Rosenheim – Ein Gespräch unter vier Augen in einem Klassenzimmer. Gleich soll es darum gehen, wie sich der Schüler macht im Unterricht, wie seine Noten gerade aussehen. Den Termin bei der Lehrkraft hat das Gegenüber extra gebucht. Es klingt wie ein klassischer Elternsprechtag, ist es aber nicht.
Denn im Klassenzimmer sitzen keine Eltern, die sich über die Leistungen ihres Kindes informieren wollen. Es sind die Schüler selbst. Beim ersten „Schülersprechtag“ am Ignaz-Günther Gymnasium (IGG) konnten sie Termine für Einzelgespräche buchen.
Idee aus den Reihen
der Schulleitung
Die Schülersprechtage sind Teil des Programms „gemeinsam.Brücken.bauen“, das Schülern dabei helfen soll, jene Nachteile auszugleichen, die durch die Pandemie entstanden sind. Die Idee, mit den Schülern selbst zu sprechen, hatte Gabriele Leicht. Das Mitglied der Schulleitung unterrichtet Mathematik und Physik. „Gerade jetzt müssen wir alles anschauen und auf die Schüler eingehen. Durch das Homeschooling haben die Kinder auch Defizite, die nicht nur als Noten auftauchen“, sagt sie.
Alles lief ab wie bei einem Elternsprechtag: Die Schüler konnten Termine über ein Onlineportal buchen. An zwei Nachmittagen kamen sie mit den Lehrkräften zu zehnminütigen Einzelgesprächen zusammen. Manchmal sei es um Noten, manchmal um das Verhalten im Unterricht oder auch um Persönliches gegangen.
„Ich dachte am Anfang, dass es ziemlich komisch wird“, sagt Fabian Müller (14) der am IGG im achten Schuljahr ist. „Aber es war einfach ein Gespräch mit einem Erwachsenen.“
Dass er am Anfang ein wenig skeptisch war, teilt er mit einigen der anderen Schülern. „Sonst traut man sich ja manchmal nicht so, mit den Lehrkräften zu reden“, sagt Lena Lotte-Marie Glaser (14), die auch die achte Klasse besucht. Ihrer Klassenkameradin Lena Fürle ging es ähnlich: „Ich habe mir davor viel zu viele Gedanken gemacht. Aber im Gespräch war es voll entspannt.“, sagt sie. Für manche war es eines der ersten persönlichen Treffen mit den Lehrern überhaupt. Zum Beispiel für Irina Radojcic (elf) aus der fünften Klasse: „Ich hatte Glück mit dem ersten Gespräch, meine Lehrerin war sehr nett.“
Für die Schüler waren die Schülersprechtage vor allem Gelegenheit, mit den Lehrern jener Fächer zu sprechen, in denen ihre Leistungen schwächer ausfallen. Zusammen hätten die Gesprächspartner überlegt, wie sie die Situation verbessern können. Darunter: Übungsblätter oder schlichtweg der Tipp, im Unterricht einfach mal eine Meldung „rauszuhauen“. Selbst, wenn die Antwort falsch sein könnte. Das Ziel für alle: Beruhigt in die kommenden Sommerferien gehen.
Die Frage, die nach dem monatelangen Distanzunterricht im Mittelpunkt stand: Wo stehen die Schüler beim Lehrstoff? „Es war schön, da mal das Feedback aus erster Hand zu bekommen“, sagt Amalia Schlögel (15). Sie besucht zusammen mit ihrer Klassenkameradin Xenja Steffen (15) die zehnte Klasse. Bald steht der Wechsel in die Oberstufe und damit die Vorbereitung auf das Abitur an. „Da ist es schon hilfreich, mal mit den Lehrern zu sprechen, bei welchen Fächern es Sinn hat, dass ich sie weiter belege“, sagt Steffen.
Aber auch die Lehrer außerhalb des Unterrichts kennenzulernen, ist laut Peter Wittram (14) eine besondere Erfahrung. „Die Lehrer werden zu Menschen“, sagt er und lacht.
Ein Gefühl, dass so ähnlich auch Udo Segerer hat – nur von der anderen Seite. Er unterrichtet Griechisch, Latein, Geschichte und Sozialkunde und war als Lehrer an den Schülersprechtagen beteiligt. „Oft sieht man Schüler eben nur als Schüler. Aber beim Schülersprechtag kommen wirklich die Personen zum Vorschein. Dann versteht man die Schüler besser.“
Gespräche auf
Augenhöhe
Ihm sei wichtig gewesen, ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen. „Normalerweise sprechen wir ja oft so seltsam hinter dem Rücken der Schüler mit den Eltern über sie. Und die können das zu Hause vielleicht nicht immer genau so wiedergeben.“
Das Modell der Schülersprechtage soll es deshalb auch in Zukunft am Ignaz-Günther Gymnasium geben. Eine gute Idee, findet Bruno Roppel (14): „Es ist praktisch, dann bekommt man hin und wieder mit, was der Lehrer für einen Eindruck von einem hat. Und natürlich ist es schön, zu hören, wenn man sich nicht schlecht macht.“ Kilian Schroeder