Rosenheim – Wer am MCS-Syndrom (Multiple-Chemikalien-Sensitivität) erkrankt, leidet unter einer Überempfindlichkeit gegenüber chemischen Stoffen. Die Krankheit schränkt das Leben der Patienten enorm ein. Heidi Wagner, Leiterin der Rosenheimer MCS-Selbsthilfegruppe, und Betroffene sprechen darüber, wie es ist, damit zu leben.
Hanna M. hatte früher nie mit Allergien oder Ähnlichem zu tun. Aber nach einigen Stunden in einem neu gebauten Gebäude, so erzählt sie es selbst, wurde sie zu einem „medizinischem Notfall“. Auslöser seien die im Neubau nachgewiesenen Schadstoffe gewesen, unter anderem Bestandteile im Zement und Formaldehyd. Im Jahr 2014 hat die EU dieses als krebserzeugend eingestuft.
Erfahrungen mit
Diskriminierung
Seit ihrem Aufenthalt in dem Gebäude sei sie arbeitsunfähig, sagt Hanna M. Mittlerweile reagiere sie auf viele weitere Stoffe, unter anderem auf parfümierte Produkte. „Die werden leider häufig verwendet.“ Inzwischen weiß sie, dass sie nicht alleine ist. Hanna M. ist Mitglied in der Rosenheimer MCS-Selbsthilfegruppe. Ihren vollen Namen will sie – wie auch andere Betroffene, die hier berichten – nicht in der Zeitung lesen. Zu oft würden sie aufgrund ihrer Krankheit diskriminiert.
Auch Ferdinand H. ist an MCS erkrankt. Bei ihm lösen Duftstoffe, Kerzenrauch und viele Chemikalien Symptome wie Atemnot aus. Seine MCS entstand im Rahmen seines früheren Berufs. Er war Kaminkehrer und bekam bei der Arbeit mit bestimmten Ölheizungen Probleme mit der Lunge. Mittlerweile habe er den Beruf gewechselt und könne wieder arbeiten. Die Symptome aber sind geblieben. MCS ist chronisch. Die Betroffenen bleiben hypersensitiv, auch wenn sie lange Auslöser von Beschwerden meiden.
Über die Krankheit ist nicht viel bekannt. Laut Studienerkenntnissen, sagt Heidi Wagner, können anhaltende Umgebungseinflüsse die Krankheit ebenso auslösen wie kurzzeitige, intensive Einwirkungen. „Unser Alltag ist voll von Chemikalien und Schadstoffen“, sagt sie. „Auch Schimmelpilze können Schuld sein.“ Oft sei es schwer, den Auslöser definitiv zu ermitteln. Unter anderem, weil Menschen teilweise erst verzögert reagierten. Ist der Auslöser bekannt, sei es vor allem wichtig, diesen zu meiden.
So wie Georg S. es getan hat. Der Bio-Landwirt hat Sperrholzplatten, die Formaldehyd ausdünsteten, als Ursache für seine Beschwerden identifiziert. Er tauschte seine Möbel deshalb gegen Vollholzmöbel vom Flohmarkt aus. Danach ging es ihm besser. Aber auch bei ihm ist die MCS geblieben und er muss duftstoffbelastete Orte meiden.
Heidi Wagner zufolge ist das komplette Vermeiden von Auslösern vor allem in der heutigen, modernen Welt „schwer realisierbar“. Doch jeder Kontakt könne die Situation von MCS-Betroffenen verschlechtern. „Sie reagieren auf immer mehr Stoffe mit immer mehr Symptomen.“ Und davon gibt es viele. Und das ist genau das, was laut der Gruppenleiterin viele Patienten und auch Ärzte frustriert. Denn das mache es mit üblichen Tests schwer, zu einer Diagnose zu gelangen.
Krankheit
bis jetzt unheilbar
Die Krankheit lässt sich bis jetzt nicht heilen. Methoden der klinischen Umweltmedizin widmen sich unter anderem der Linderung der Symptome. Damit sollen auch schwere Folgeerkrankungen vermieden werden. Diese Fortbildungen, besitzen Heidi Wagner zufolge zu wenige Ärzte. In einem RKI-Bericht aus dem Jahr 2020 heißt es, dass eine flächendeckende umweltmedizinische Versorgung bis dato noch nicht realisiert werden konnte.
„Die Leidtragenden sind die Patienten, die ohne fachkompetente Betreuung in eine gesundheitliche Abwärtsspirale geraten“, sagt Heidi Wagner. Hanna M., Ferdinand H. und Georg S. können das bestätigen. Sie haben es selbst erlebt.
Kontakt zur
Selbsthilfegruppe unter
Telefon 08031/6146421
sowie E-Mail
MCS-Rosenheim@gmx.de