Rosenheim – Knapp elf Tonnen zeigt der Wiegeschein an. So viel Müll kam bei der Leerung der Tonnen in der Innenstadt zusammen. Nicht über den ganzen Tag hinweg: Die Mannschaft des Fahrzeugs mit dem Kennzeichen RO-PE14 hat diese Menge in gut drei Stunden „aufgesammelt“. Bis zum Schichtende am Nachmittag werden sie noch einmal zum Leeren gefahren sein und in etwa noch einmal dieselbe Menge beim Müllheizkraftwerk abgekippt haben. Über den ganzen Tag hinweg haben sie dann rund 1600 Mülltonnen geleert und gut 80 Stadtkilometer zurückgelegt. Und die nicht nur fahrend.
Die Innenstadttour montags und dienstags ist eine sogenannte Servicetour. Da werden die Tonnen aus den Häusern und Hinterhöfen von den Müllwerkern auf die Straße gezogen. Zwei Mann, die sogenannten Vorgeher, bringen rund 30 Kilometer der Wegstrecke zu Fuß hinter sich und richten die Tonnen für das nachfolgende Fahrzeug her.
Kein weiterer
Sport notwendig
Keine Frage: Wer Müllwerker ist, braucht sich um sonstige sportliche Betätigung keine Gedanken mehr machen. Für die meisten der „Kunden“ wäre es ein unmöglicher Knochenjob, einer, der zudem nicht ungefährlich ist: Die Tonnen müssen im fließenden Verkehr ans Fahrzeug gebracht werden. Und der schert sich oftmals wenig darum, dass hier Menschen arbeiten und Bewegungsfreiheit brauchen. Wenn die Autofahrer nur die geringste Chance zum Überholen sehen, tun es viele, und dann ist es egal, dass der Abstand zu Fahrzeug und Müllwerkern oft nur noch eine Armlänge groß ist.
Ein bisschen mehr Rücksicht wäre denn auch der Wunsch von Hans Weilacher, der den Lkw fährt. Er hat zwar vier Spiegel am Fahrzeug und eine Heckkamera, aber er kann seine Augen nicht überall gleichzeitig haben. Und auch auf der jüngsten Montagstour passiert es immer wieder, dass trotz Rundumleuchten auf dem Dach und gesetztem Blinker sich noch ein Auto- oder Fahrradfahrer an dem anfahrenden Lkw vorbeizupressen versucht.
Noch schlimmer ist es für die Müllwerker, wenn unmittelbar vor dem Fahrzeug, das sich bereits in Bewegung setzt, Fußgänger vorbeilaufen. Natürlich hat der Lkw auch einen Spiegel, mit dem dieser tote Winkel vor dem Fahrzeug erfasst wird, aber wie gesagt: Hans Weilacher kann seine Augen nicht in jedem Spiegel gleichzeitig haben. Und wenn jemand knapp vor dem Fahrzeug vorbeiläuft, können die Sekundenbruchteile, in denen der Fahrer gerade in den Außenspiegel schaut, um eine Lücke im Verkehr abzuwarten, fatal sein.
„Schon die mangelnde Rücksicht der anderen Verkehrsteilnehmer sorgt dafür, dass keine Tour je langweilig wird, weder für mich noch für die Kollegen hinten am Fahrzeug“, meint Hans Weilacher und kann dabei sogar noch lachen. Aber auch sonst ist für Abwechslung gesorgt. Denn in der Innenstadt Rosenheims gibt es immer wieder Baustellen. Natürlich kommen die in der Regel nicht über Nacht, die Müllwerker-Mannschaft weiß also theoretisch, wo die Tour behindert wird. Allerdings wird auf den Baustellen ja gearbeitet. Wo vergangene Woche noch ein Einfahren möglich war, steht heute auf einmal ein Bagger.
Da ist es gut, dass Hans Weilacher und sein Team erfahrene Hasen sind, die den Standort jeder Mülltonne quasi im Schlaf kennen. Deshalb können sie die Tour je nach Bedarf kurzfristig so ändern – etwa von einer anderen Seite aus in die Straße einfahren – dass die Mannschaft hinten auf dem Fahrzeug nicht unnötig laufen muss. Denn all das kostet zusätzliche Zeit, die im Tagespensum nicht einkalkuliert ist.
Schon von daher wird klar, dass Mülltonnen entleeren kein Geschäft mit Muße ist, sondern schnell gehen muss. Und wenn es größere Ansammlungen von Tonnen sind, verlässt auch Hans Weilacher sein Führerhaus, um mitzuhelfen. Das Ganze wirkt dann wie ein wohlgesetztes Ballett, nur eben auf „Speed“. Das Tempo schafft den Puffer für die verkehrs- oder baustellenbedingten Verzögerungen, die es immer wieder gibt.
Schnee als große Hürde für „Vorgeher“
Dabei ist der Sommer ja noch die angenehme Jahreszeit, auch wenn es hinten, in der Nähe der Hydraulik, an heißen Tagen gerne mal 40 Grad hat. Aber dann fehlt wenigstens der Schnee, der vor allem den Vorgehern zu schaffen macht: Sie müssen die Tonnen aus den dann meist noch ungeräumten Hinterhöfen viele Meter an die Straße schleifen. Auch für die Mannschaft hinten am Fahrzeug ist Schnee äußerst lästig: Die Tonnen müssen dann nicht selten über die Schneehäufen am Straßenrand drübergewuchtet werden.
Kurz: Die Müllwerker geben bei ihrem Tagwerk alles. Und dennoch wird ihre Tätigkeit so gut wie nie gewürdigt. „Wir wollen ja gar nicht gelobt werden“, meint Markus Weber, einer der beiden, die hinten auf dem Fahrzeug stehen. „Wir würden uns nur wünschen, dass uns die Leute nicht das Gefühl gäben, dass wir und unsere Arbeit eigentlich nicht ganz für voll zu nehmen sind. Wegschauen, damit kein ,Grüß Gott‘ nötig wird oder mit einem in einer Art reden, als könnte man nicht bis Drei zählen – das kommt immer wieder vor. Und das ist nicht schön.“