Rosenheim – Maria hält ihren Sohn schützend in den Armen, die beiden schmiegen ihre Wangen aneinander und blicken auf den Betrachter. Die Mutter hat den Mund zum Kuss gespitzt. Ein Wolkenband bildet den unteren Abschluss der Halbfigur. Diese innige Szene von Mutterliebe malte Michael Licklederer 1927 auf die sachlich gegliederte Fassade des Neubaus eines Mehrfamilienhauses in der Prinzregentenstraße 11. Die freie Fläche über dem figurengeschmückten Eingangsportal bot sich dafür an.
Beliebtes Thema
aus dem Barock
Der Rosenheimer Maler greift hier das Thema der „Hausmadonna“ auf, die im Barock sehr beliebt wurde, als Kurfürst Maximilian I. Bayern unter den Schutz der Muttergottes stellte und in München an seiner Residenz (1616) und auf dem Marienplatz (1638) die bekannten und oft fotografierten Bronzefiguren der „Patrona Bavariae“ aufstellen ließ.
Michael Licklederer wählte nun nicht Maria als Himmelskönigin oder apokalyptisches Weib, sondern Maria als liebende Mutter mit dem Jesuskind. Dieser Madonnentypus wurde in der Renaissance von bedeutenden Künstlern wie Tizian oder Raffael entwickelt, und fand dann ebenfalls im Barock vielfache Verbreitung. Maria und der Jesusknabe erscheinen hier wie in einer privaten, familiären Szene festgehalten.
Der Maler, der an der Münchner Akademie bei den beiden Piloty-Schülern Gabriel von Hackl und Otto Seitz studiert hatte, konnte über Jahrzehnte Erfahrungen in der Gestaltung von Fassaden sammeln. Sein Wohn- und Atelierhaus „Villa Künstlerheim“ in der Austraße in Rosenheim, das er sich nach seinen genauen Vorstellungen von dem Aiblinger Baumeister Johann Meishammer hatte errichten lassen, und in dem die Familie Licklederer ab 1902 wohnte, verzierte er ebenfalls mit Malereien.
Wie unterschiedlich mit alten Gebäuden und künstlerischen Wandmalereien umgegangen wird, lässt sich am Beispiel Licklederer aufzeigen, der ebenfalls in der Prinzregentenstraße, auf Nummer 24, die 1898 erbaute „Villa Wittelsbach“ mit einem Gemälde über dem Eingang bereichert hatte. Diese Villa wurde 1981 abgerissen; im gleichen Jahr erhielt das Wohngebäude in der Prinzregentenstraße 11 mit Licklederers Hausmadonna den Fassadenpreis der Stadt Rosenheim für die beispielhafte Renovierung.
Kleiner Ausflug
nach Pfaffenhofen
Wer einen weiteren Eindruck von Licklederers Können in der Wandmalerei erhalten möchte, dem sei ein kleiner Ausflug nach Pfaffenhofen am Inn empfohlen. 1905 bemalte hier der Künstler den neu aufgesetzten Giebel des Pfarrhofes neben der Pfarrkirche St. Laurentius mit der ansprechend geschilderten Szene „Der hl. Laurentius und der hl. Nikolaus empfehlen Pfaffenhofen dem Schutz der Gottesmutter und dem Jesuskind“. Keine geringe Ehre für einen Maler, der gut 40 Jahre zuvor als uneheliches Kind der Lehrerstochter Therese Licklederer im Ort geboren worden war.