Rosenheim – Der Himmel ist blau, nur ein paar Wolken sind zu sehen, als sich ein Tross des Rosenheimer Voltigiervereins auf den Weg macht. 14 Mädchen in Begleitung einiger Eltern suchen das Abenteuer. Genauer: Sie folgen Elmar Teucher für ein Überlebenstraining in einen Wald bei Großkarolinenfeld. Die Wanderung soll den Zusammenhalt der Truppe stärken, der während der Corona-Beschränkungen zu sehr in den Hintergrund geraten ist.
Sicher im
Terrain bewegen
Elmar Teucher ist ein sogenannter „OCAT-Survivalguide“. Die Abkürzung steht für „Old Crow Adventure Training“. Er will den Mädchen mit ihren Begleitern an diesem Tag unter anderem zeigen, wie sie Fährten lesen können. Eine Übung, die der gelernte Installateur nicht nur in der freien Natur vollführt. Auch auf städtischem Terrain hat er einen Blick für Dinge, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen. In Rosenheim entdeckt er beispielsweise Huflattich, der sich auch wunderbar zu Tee verarbeiten lassen kann (wir berichteten). Doch hier im Wald will er den Mädchen auch die Tierwelt näherbringen, ihnen zeigen, wie sie sich in diesem naturbelassenen Terrain sicher bewegen können und Gefahren meiden. Er gibt praktische Tipps, um sich in der Natur zurechtzufinden. Nach einigen Hundert Metern marschiert die Gruppe zuerst an einer Baustelle entlang. Hier soll eine Straße entstehen – mitten durch unbebautes Gebiet. „Ich habe auf dieser Welt gegen niemanden etwas, außer gegen quer durch unberührte Natur gebaute Straßen“, klagt Elmar Teucher. Ihn sorgt, dass immer mehr intakte Ökosysteme dem Asphalt weichen müssten. Dabei sollten die Menschen doch lernen, mit der Natur zu leben. Auch, um von ihr lernen zu können.
Bei der ersten kleinen Unterweisung zieht ein Habicht seine Kreise. Den Vogel kann Teucher mühelos benennen. Der robuste Greifvogel ist ihm bestens vertraut. Im Vergleich zu anderen Raubvögeln fühlt er sich auch über bewaldetem Gebiet wohl. Das Tier wird an diesem Nachmittag immer wieder am Himmel über den Wandernden auftauchen. Weiter auf dem Weg erklärt Teucher den wissbegierigen Mädchen den Unterschied zwischen Tannen und Fichten. Vor allem, dass man aus den Wurzeln Letzterer – gemischt mit Kohle – eine Art Epoxidharz herstellen kann. Mit der zäh-klebrigen Masse hätten schon die Wikinger ihre Boote abgedichtet. Ein paar Meter weiter stößt die Gruppe auf Hunde- und Rehspuren, an welchen sich ablesen lässt, wo welches Tier saß und in welche Richtung es anschließend mit welcher Geschwindigkeit verschwand. „Fährten lesen lässt sich auch im modernen Leben jederzeit anwenden. Zum Beispiel auch, wenn es darum geht, ob die Eltern die Süßigkeitenvorräte neu aufgefüllt haben. Es steckt seit Urzeiten in jedem von uns“, fügt Teucher lachend hinzu.
Er verrät der Gruppe noch einen kleinen Trick, um das Durstgefühl hinauszuzögern. Die Wurzeln wilder Möhren sind gekocht genießbar. Man solle sich allerdings nie auf den „Essbarkeitstest“ verlassen, bei dem man kleine Mengen einer Pflanze oder Beere an der Haut reibt und in zeitlichem Abstand verzehrt, um die Bekömmlichkeit herauszufinden. Denn auch geringste Mengen giftiger Pflanzen könnten tödlich sein. Nur das zu sich nehmen, was man wirklich kennt: Teucher mahnt zur Vorsicht und erwähnt den Wurmfarn. Er habe schon von kleinsten Mengen Schwindel bekommen. Damit sei nicht zu spaßen. An der nächsten Station dürfen die Kinder Bachminze mit den Fingern zerreiben, um den intensiven Geruch wahrzunehmen, während der Habicht einmal mehr über ihnen seine Bahnen zieht. Weiter geht es durch Dickicht und Unterholz, zu einem moosigen, kühlen Plätzchen im Wald, um Rast einzulegen und mit einer Brotzeit neue Energie zu tanken.
Hirsch und Reh auseinanderhalten
Während sich die Gruppe stärkt, erzählt Teucher Anekdoten aus seinem Leben und lässt diverse getrocknete Kräuter wie Kamille und Thymian, Pfeilspitzen, Stein- und Glasklingen, die Runde machen. Er erklärt, wie man anhand des Kiefers Reh und Hirsch auseinanderhalten kann und legt die Funktion der Zähne an einem Farnblatt anschaulich dar. Im Anschluss zeigt er nützliche Knoten zum Erstellen eines Grundgerüsts für einen Unterstand. Nach ein paar nützlichen Tricks zur Selbstverteidigung geht es an den Rückweg, auf welchem die Voltigier-Mädchen zur großen Überraschung noch Teile eines Rehskeletts zwischen den Ästen ausmachen können. Hier haben sie Gelegenheit, ihre frischen Kenntnisse gleich anzuwenden. Sie bestimmen das Geschlecht des Tieres und können schlussendlich mit Gewissheit sagen: Es war ein Bock.