Rosenheim – Dem Einzelhandel fehlen die Fachkräfte. Nach einer Erhebung des Wirtschaftsinstituts Ifo hat sich die Zahl jener Firmen, die über zu wenige qualifizierte Mitarbeiter klagen, heuer von 15,7 auf 30,6 Prozent nahezu verdoppelt. Auch bei Rosenheimer Wirtschaftsvertretern schrillen die Alarmglocken, denn es fehlt dem Einzelhandel vor allem eines: der Nachwuchs.
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Nach Angaben der Agentur für Arbeit waren Ende Juli in der Stadt Rosenheim noch 45 Ausbildungsstellen für Verkäufer oder Kaufleute im Einzelhandel offen – bei 35 noch unversorgten potenziellen Bewerbern. Im Landkreis geht die Schere noch weiter auseinander: Hier stehen 36 möglichen Bewerbern 106 offene Ausbildungsplätze im Einzelhandel gegenüber.
Gründe dafür, dass der stationäre Einzelhandel als Berufseinstieg bei Schulabgängern so sehr an Attraktivität eingebüßt hat, sieht die Geschäftsführerin des Rosenheimer City-Managements, Sabrina Obermoser, auch in einem „Gerücht“, das sich hartnäckig halte: Der stationäre Einzelhandel habe keine Zukunft. Dem widerspricht Obermoser: Der Einzelhandel werde zu Unrecht totgeredet. „Der stationäre Einzelhandel wird weiter stattfinden, wenn auch in abgewandelter Form“, ist sie überzeugt. Allerdings berichtet Obermoser auch, dass der hiesige Einzelhandel seine Ausbildungsplätze coronabedingt heuer eher kurzfristig ausgeschrieben habe – auch weil niemand wusste, wie sich die Corona-Lage im Herbst entwickeln würde.
Generell sei die Ausbildungsbereitschaft der Einzelhandelsbetriebe groß, berichtet Andreas Bensegger, Vorsitzender des Rosenheimer Regionalausschusses der Industrie- und Handelskammer München und Oberbayern (IHK): „Die Ausbildungsbereitschaft ist bei mittleren und größeren Betrieben durchaus konstant“, sagt er. Nur Händler mit bestimmten Sortimenten, die vom Corona-Lockdown stärker betroffen waren, hätten sich in Sachen Ausbildung etwas schwerer getan.
Zu diesen Ausbildungsbetrieben zählt auch das Lederwarengeschäft Anton Dörfler mit seiner Filiale in Rosenheim. Geschäftsführerin Stephanie Jeschke tut sich derzeit schwer damit, geeigneten Nachwuchs zu finden, seien es Verkäufer oder Kaufleute im Einzelhandel – ausgerechnet jetzt, nachdem die Lockerungen in Sachen Corona endlich wieder einen normalen Betrieb ermöglichten.
Sie kann nur vermuten, warum die Ausbildung im stationären Einzelhandel auf so wenig Interesse bei den Schulabgängern stößt und tippt auf „menschliche Gründe“, anders gesagt: die Arbeitszeiten. An Samstagen arbeiten, gehöre in dieser Branche einfach dazu. Dies schrecke vielleicht den ein oder anderen ab. Und viele zögen vielleicht ein Studium der Ausbildung im Betrieb vor.
Zumindest nicht der Rosenheimer Raphael Keric. Der 26-Jährige absolvierte seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei Lederwaren Anton Dörfler und wirkt sichtlich zufrieden mit seiner Entscheidung. Ihn hat das Unternehmen inzwischen übernommen. Diese Entscheidung dürfte nicht schwergefallen sein: Er absolvierte seine Ausbildung mit der Note 1,0.
Nicht das Ende der Fahnenstange
Was bleibt also, um Schulabsolventen davon zu überzeugen, ihr berufliches Glück im stationären Einzelhandel zu suchen? Für den IHK-Vorsitzenden Bensegger geht es erst einmal darum, zu betonen, dass eine berufliche Ausbildung noch nicht das Ende der Fahnenstange sei. Auch darüber hinaus bestünden viele Möglichkeiten, sich weiter zu qualifizieren, was etliche Unternehmen auch förderten.
Am Thema Weiterbildung komme man ohnehin nicht vorbei, denn auch der stationäre Einzelhandel müsse sich dem Thema Digitalisierung widmen. Denn die Unternehmen müssten gerade digitale Kanäle nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen, meint Andreas Bensegger. Dazu gehöre auch das Handwerkszeug, um die eigene Internetpräsenz so zu gestalten, dass auch Suchmaschinen und damit letztendlich Nutzer darauf stoßen.
„Für die Unternehmen ist das Thema Ausbildung existenziell“, sagt Bensegger. Denn ohne Fachkräfte könne der stationäre Handel nicht mit dem punkten, was ihn besonders auszeichne: eine kompetente Beratung.