Rosenheim – Gut vorzulesen ist eine Kunst. Das hat schon Goethe gesagt. Hier habe er aber ausnahmsweise einmal nicht recht gehabt. Das meint zumindest Christel Günther. Denn Vorlesen als Kunst klinge, als sei es unmöglich zu lernen, ausdrucksvoll aus Büchern vorzutragen. Entweder man hat das Talent oder nicht. Dies zu widerlegen war Ziel eines Nachmittags der Rosenheimer Stadtbibliothek für ihre ehrenamtlichen Vorlesepaten.
Verein hat
300 Mitglieder
Christel Günther kommt von den Lesefüchsen aus München. Ein Verein, in dem sich rund 300 Menschen zusammengeschlossen haben, die Kindern in Grundschulen und Bibliotheken vorlesen. Wer vom frühen Kindesalter an vorgelesen bekomme, finde später auch eher Gefallen an Büchern. Dies, sagt Christel Günter, belegten wissenschaftliche Studien wieder und wieder. Und sie bewiesen zudem: Schon vorlesen fördere Buben und Mädchen in vielfältiger Weise: Es beflügelt die Fantasie, stärkt Wortschafts und Ausdrucksweise, aber auch die Konzentrationsfähigkeit.
Leider aber wird den Kindern zu Hause zu wenig vorgelesen, einem Drittel der Kinder schlicht nie. Eine Zahl, die nach den Untersuchungen der Stiftung Lesen seit Jahren konstant ist. Deswegen gibt es nicht nur in München Vorlesepaten, sondern auch in Rosenheim.
Wöchentliches
Angebot
Die hier tätigen ehrenamtlichen Frauen und Männer lesen in Schulen und Kindertagesstätten, zwei von ihnen einmal wöchentlich in der Stadtbibliothek, immer mittwochs von 15 bis 16 Uhr für Kinder ab vier Jahren. Die Vorlesepaten holten sich jetzt von Christel Günther weitere Tipps für ihre Tätigkeit.
Diese sind einfach und naheliegend, man muss sie nur kennen. Etwa, dass man beim Vorlesen von Bilderbüchern erst den Text vortragen soll, dann die dazugehörige Illustration zeigen – und sich bei beidem durchaus Zeit lassen. Der Text am Anfang ermögliche den Kindern, sich ein eigenes Bild zu machen, zeigen sich die Dozenten überzeugt. Dies werde gerade in Zeiten, in denen Bilder oft als „visuelle Fertigware“ über die Bildschirme flimmere immer wichtiger.
Das zugehörige Bilderbuchbild sollen die jungen Zuhörer jedoch in aller Ruhe anschauen dürfen. Es brauche Zeit, bis ein Kind alle Inhalte des Bildes erfasse, und man könne es dabei ruhig durch Nachfragen unterstützen. Diese können ganz banal sein, etwa: „Welche Farbe hat der Bär?“ Denn auch das Benennen von Farben muss man üben.
Und die Antworten auf die Fragen stärken das eigene Ausdrucksvermögen. Das sei auch der Grund, weshalb man beim Vorlesen immer mehr auf Dialog setze, wie Christel Günther erklärt.
Dazwischenreden, Fragen stellen – das wurde früher als Störung empfunden, auch beim Vorlesen vor Kindern. Heute sieht man es als wichtigen Teil des Spracherwerbs und ist froh, wenn die Kinder von sich aus etwas sagen.
Durchaus wichtig, erklärte Günther, sei auch die Umgebung. Eine Kerze, aber auch schon ein paar bunte Tücher schaffen in der Bibliothek aber auch in Schulen eine besondere Stimmung. Und holen damit etwas von der gemeinsamen Kuschelecke beim heimischen Vorlesen in das fremde Umfeld.
Denn das Vorlesen zuhause, schildert Christel Günther, gewinnt seinen Reiz wie seine Bedeutung ja nicht zuletzt auch aus dieser Atmosphäre von Geborgenheit und Nähe. Sie würde sich glücklich schätzen, wenn sich die Eltern öfter die Zeit dafür nehmen würden, oder es einfach überhaupt einmal ausprobierten, denn einfacher, das betonte sie während ihres Seminars immer wieder, lässt sich den Kindern eine wertvolle Lebensgrundlage nicht vermitteln.
Wer nun glaubt, dafür so gar keine Ader zu haben – wie es nach Umfragen viele der „vorlesemuffelnden“ Eltern tun – kann ja einfach einmal mit seinem Nachwuchs bei einem der Vorlesenachmittage in der Stadtbibliothek vorbeischauen und sich Anregungen holen. Da dürfen nicht nur Kinder ab vier Jahren dabei sein, auch Eltern und Großeltern werden nicht weitergeschickt, wenn sie sich mal dazumogeln, meint Birgit Graf vom Kinderhaus der Stadtbibliothek.
Denn so ergänzt Christel Günther, gut Vorgelesenes ist für die Zuhörer letztlich ein eindrucksvolles Erlebnis. Vorlese-Künstler muss man dazu jedoch nicht sein.