Rosenheim – Er hilft bei den Matheaufgaben, begleitet Schulausflüge oder schlichtet den Streit um die Malfarben: Hermann Kunz ist seit fünf Jahren ehrenamtlicher Lernbegleiter an der Prinzregenten Grundschule in Rosenheim und hat ein wachsames Auge auf jeden Schüler, der seine Hilfe braucht. Im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen gibt er einen Einblick in die Welt der Grundschulkinder und berichtet von tränenreichen Kämpfen, aggressiven Wutausbrüchen und rührenden Liebesbriefen.
Kinder freuen sich,
wenn sie ihn sehen
Gerader Rücken, den Arm zum Salut und mit einem schelmischen Grinsen auf dem Gesicht begrüßen viele der Schüler in der Rosenheimer Prinzregentenschule ihren Lernbegleiter: „Servus Herr Kunz!“, schallt es aus den Ecken des Schulhofes, wenn der 71-Jährige jeden Donnerstag das Gelände betritt. „Ich habe die Kinder einmal zum Spaß so begrüßt und einige haben das wohl übernommen“, berichtet der Rosenheimer lächelnd.
Vor rund fünf Jahren betrat Kunz zum ersten Mal das Schulgebäude, um sich als potenzieller Begleiter bei Schulleiterin Helga Wagner vorzustellen. Seitdem steht der ehemalige Orthopädie-Techniker den Dritt- und Viertklässlern zur Seite und hilft insbesondere den Schwächeren durch den Alltag. „Ich unterstütze den Lehrer, wo ich nur kann“, meint Kunz. Das gehe von einfachen Aufgaben, wie die Bearbeitung von Arbeitsblättern, bis hin zu weit kniffligeren Situationen. „Wenn beispielsweise zwei Kinder aufeinander losgehen, stelle ich mich dazwischen und schnappe mir die beiden zu einem Einzelgespräch“, sagt der Lernbegleiter.
Die große Herausforderung im Umgang mit den Kindern scheut Kunz nicht, ganz im Gegenteil: „Es ist wahnsinnig interessant, was für Geschichten hinter dem Verhalten stecken“. Ein stundenlang aggressives Kind kann sich demnach im Zwiegespräch plötzlich wandeln und verletzlich zeigen. Sätze wie „mein Stiefvater kümmert sich nicht um mich“ oder „ich will doch nur so gut sein wie die anderen“ seien daher nicht ungewöhnlich für den 71-Jährigen. Dass er kein klassischer Lehrer ist, hilft ihm dabei, einen anderen Zugang zu den Schülern zu bekommen. Die Sorgen und Nöte kann er im Ernstfall an die Lehrer weitergeben.
„Die Lernbegleiter sind teilweise so etwas wie Leihopas und -omas für die Kinder“, sagt Helga Wagner, Leiterin der Prinzregentenschule. Sie befürwortet das Konzept, das seit rund zehn Jahren an der Schule etabliert ist und ist stolz auf die „emotionalen Stützen“. Aus diesem Grund würde sich Wagner wünschen, den Kindern mehr als die aktuell sechs ehrenamtlichen Begleiter zur Seite stellen zu können. Dass für jede der 17 Klassen eine Hilfe dabei ist, sei zwar eine Utopie. Gerade nach der Corona-Zeit sei man aber dankbar für jede Unterstützung.
Den Zugang zur Lernbegleitung ermöglicht Karin Weiß, Leiterin der Rosenheimer Kontaktstelle für Bürgerliches Engagement. Ihr liegen die ehrenamtlichen Helfer am Herzen, weshalb sie immer nach passenden Kandidaten sucht. „Natürlich gibt es einige, die von vornherein sagen, dass sie bloß nichts mit Kindern machen wollen“, meint Weiß. Dennoch schaffte sie es vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie immer wieder, zwei bis drei Begleiter pro Jahr zu finden. Wichtig sei dabei, dass alle Beteiligten mit Freude bei dem Projekt dabei sind, egal ob Kinder, Lehrer oder Lernbegleiter.
„Ich bekomme
so viel zurück“
Ein Paradebeispiel für diese Freude ist Hermann Kunz. „Es ist unglaublich, wie viel die Kinder einem für seinen Einsatz zurückgeben“, schwärmt er. Der Rosenheimer ist immer wieder erstaunt, welche „Liebesbriefe“ mit dankbaren Worten oder selbst gebastelte Handarbeiten bei ihm landen. Für Kunz steht daher fest, dass er noch eine Weile sein Bestes geben wird, um die Kinder in der Prinzregentenschule zu unterstützen.