Vom Regenschirm bis zum Motorroller

von Redaktion

Der Leiter des Rosenheimer Fundamtes versteigert nicht abgeholte Stücke

Rosenheim – „Ah, hier haben wir ein besonders schönes Stück, wer bietet 20 Euro?“ Mit diesen Worten blickt Dieter Kirstein, Leiter des Rosenheimer Fundamtes, auf das gebrauchte Fahrrad mit verrosteter Kette und platten Reifen, das neben ihm auf der Erhöhung steht – Lot-Nummer 10995. Unter ihm haben sich rund 100 Bürger versammelt, die das Objekt aus der Ferne inspizieren und sich überlegen, ob es sich lohnt, dafür die Hand zu heben.

Auktion findet zum 40. Mal statt

Bereits zum 40. Mal versteigert Kirstein auf dem Gelände des Baubetriebshofes an der Möslstraße 27 alles, was im vergangenen halben Jahr niemand beim Fundamt abgeholt hat. In diesem Fall sind das neben „Kleinkram“ wie Schwimmbretter, Regenschirme, Fahrradhelme und Fotoapparate circa 100 Fahrräder sowie ein Motorroller.

Die Spielregeln sind dabei seit rund 20 Jahren dieselben: „Wer die Hand hebt, gibt ein verpflichtendes Gebot auf den jeweiligen Gegenstand ab“, erklärt Kirstein. Einfach nur aus Spaß mitbieten, funktioniere nicht. Sobald der Hammer „zum Dritten“ gefallen ist, geht das Objekt an den Höchstbietenden, gezahlt wird ausschließlich in bar, Rückgabe oder Garantie sind ausgeschlossen.

Ein wichtiger Punkt für den Rosenheimer Auktionator ist der Zustand der Objekte: „So wie wir etwas finden, wird es versteigert.“ Lediglich Speicherkarten oder Festplatten werden aus Datenschutzgründen zerstört.

Dementsprechend demoliert sind gerade einige der Fahrräder, die den Hauptteil der Versteigerung ausmachen. Nur zwei der 100 Räder waren direkt einsatzbereit. Der Rest gehört laut Kirstein mit ein wenig Pflege in die Kategorie, bei der es „Wurscht“ ist, ob sie geklaut werden oder nicht.

„Trotzdem ist immer mal wieder ein Schmuckstück dabei“, meint der Rosenheimer Georg Meier. Der 83-Jährige nimmt seit Jahren bei den Versteigerungen teil und könne gerade bei Rädern die feinen Unterschiede zwischen unbrauchbar und Rohdiamant erkennen. Er war daher in vorderster Front, als die teuerste Auktion über die Bühne ging und ein Mountainbike von Corratec für 100 Euro seinen neuen Besitzer fand.

Ganz anders erging es Maxi Klampfleitner, der kurzfristig von der Auktion erfahren hatte und spontan aus Neugierde vorbeigeschaute. Mit Freude gewann er das erste Objekt des Abends und sicherte sich für 18 Euro einen verschlossenen Koffer. Was genau drin ist, wird der Rosenheimer erst zu Hause erfahren, wenn er das Zahlenschloss aufgezwickt hat.

Für Kirstein war die 40. Versteigerung gleichzeitig die Rückkehr nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Auch wenn nur rund 100, anstatt der bisher gewohnten 350 bis 650 Menschen aus der Region teilgenommen haben, konnte der Rosenheimer einen Großteil seiner Objekte versteigern. Die übrig gebliebenen Fundsachen kommen in eine der nächsten Auktionen, die alle sechs Monate stattfinden.

Warum speziell Fahrräder in so großer Zahl beim Fundamt landen, kann der Leiter nicht genau sagen. Fakt sei jedoch, dass jährlich bis zu 700 Räder abgegeben werden. Ein Drittel davon wird von den Eigentümern abgeholt, ein weiteres Drittel beansprucht der jeweilige Finder, wenn das Eigentumsrecht nach sechs Monaten auf ihn übergegangen ist. Der Rest kommt in die Auktion.

„Lasst euch
nicht anstecken“

Zum Schluss hat der routinierte Auktionator noch einen Tipp für jeden, der einmal beim Fundamt mitbieten möchte: „Setzt euch ein Limit!“, mahnt Kirstein, „Ansonsten kann es schnell passieren, dass ihr euch von mir und dem Auktionsfieber anstecken lasst.“ Korbinian Sautter

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