Südosteuropäer fühlen sich ausgegrenzt

von Redaktion

Mehr als 5000 Briefe von OB März und Landrat Lederer sorgen für heftige Kritik

Rosenheim – Ein zweiseitiger Brief, den Oberbürgermeister Andreas März und Landrat Otto Lederer im September aufgrund der hohen Corona-Zahlen an mehr als 5000 Bürger aus Südosteuropa geschickt haben, sorgt jetzt für Kritik. Der Vorwurf: Die Stadt stigmatisiert einen Teil ihrer Bevölkerung.

Eine Rosenheimerin, die anonym bleiben will, erinnert sich noch genau an den Moment, als sie das Schreiben aus ihrem Briefkasten geholt hat. „Es hat sich angefühlt wie ein Schlag in die Magengrube. Ich war schockiert und verwirrt“, sagt sie.

Hinweise aus dem
Romed-Klinikum

Oberbürgermeister März, Landrat Lederer und Dr. Wolfgang Hierl, Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes wenden sich in diesem Schreiben an Mitbürger aus Südosteuropa, die in Stadt und Landkreis gemeldet und älter als 18 Jahre sind, verbunden mit der Aufforderung sich testen und impfen zu lassen. „Hintergrund dieser gemeinsamen Initiative waren Erkenntnisse des Gesundheitsamtes, dass eine hohe Zahl an Reiserückkehrern aus südosteuropäischen Ländern mit dem Coronavirus infiziert war“, heißt es aus dem Rathaus. Entsprechende Hinweise habe es auch aus dem Romed-Klinikum im Hinblick auf die Belegung der Intensivstationen gegeben.

Vermeidung
von Ansteckungen

Ähnlich äußert sich Michael Fischer, Pressesprecher des Landratsamtes. Anfang September 2021 seien es – wie schon im Vorjahr – erneut die Reiserückkehrer gewesen, die das Infektionsgeschehen in Stadt und Landkreis wesentlich mitbestimmt hätten, so das Landratsamt. „Die Reiserückkehrer kommen im Landkreis zu 67 Prozent aus südosteuropäischen Ländern und in der Stadt sogar zu 88 Prozent“, erklärt Fischer. Daraufhin hätten sich Landratsamt und Stadtverwaltung überlegt, was man tun könne, um zu sensibilisieren und weitere Ansteckungen zu vermeiden. „Da immer wieder Familienbesuche als Grund für die Reise in die jeweiligen Länder genannt wurden, entstand der Gedanke, den Bürgern zu schreiben, die hier in der Region eine neue Heimat gefunden haben“, sagt Fischer.

In dem Brief warben OB März, Landrat Lederer und Gesundheitsamtsleiter Hierl unter anderem dafür, sich nach der Rückkehr ein zweites Mal testen zu lassen, auch wenn der erste Test negativ war. Weiter wiesen die Behördenvertreter auch auf die Impfung hin und machten auf die nach wie vor geltenden Hygieneregeln aufmerksam. „Wir haben diskutiert, ob wir das Schreiben nur in deutscher Sprache verschicken. Aufgrund einiger Fachbegriffe entschieden wir uns, den Brief auch in der jeweiligen Landessprache zu versenden“, teilt Fischer mit.

Zweifach geimpft
und viele Tests

Und genau diesen Brief hat die Rosenheimerin vor einigen Wochen aus ihrem Briefkasten geholt. Verständnis dafür hat sie nicht. „Ich fühle mich kontrolliert. Die Stadt sollte etwas für das Miteinander tun und nicht einzelne Bürger ausgrenzen“, sagt die Frau, die in Nordrhein-Westfalen geboren wurde und seit mehr als 30 Jahren in Rosenheim lebt.

Im Sommer habe sie zwar Urlaub in Kroatien gemacht. Allerdings sei sie bereits zweifach geimpft und habe sich zudem mehrere Male testen lassen – sowohl in Kroatien, als auch in Rosenheim. „Ich kenne auch zahlreiche andere Deutsche, die in Südosteuropa Urlaub gemacht, aber keinen Brief bekommen haben“, sagt die Frau.

Mit dieser Aussage konfrontiert, sagt Michael Fischer vom Landratsamt: „Es ging nicht um die Urlauber. Es ging um die hier lebenden Mitbürger, die ihren Urlaub nutzten, um ihre Familien in den Heimatländern zu besuchen.“ Etliche dieser Länder sind keine klassischen Urlaubsländer, sagt der Sprecher und verweist auf die Statistiken. So seien im August und September im Landkreis 33 Prozent der Rückkehrer aus dem Kosovo positiv getestet wurden, 21 Prozent aus Kroatien und acht Prozent aus Italien. In der Stadt wurden 43 Prozent der Reiserückkehrer aus dem Kosovo positiv getestet, zwölf Prozent aus Nordmazedonien und zehn Prozent aus Albanien. Zumindest Kroatien und Italien sind nach wie vor sehr beliebte Reiseziele der Deutschen.

Seit 28 Jahren
in Deutschland

Und genau diese Situation kritisieren auch die Empfänger des Briefes, die ihre Reaktionen in einer E-Mail zusammengefasst und an unsere Zeitung geschickt haben. „Ich bin wütend, weil viele Deutsche auch irgendwo im Urlaub waren und sich anstecken konnten“, heißt es da. Oder: „Ich habe auch einen Brief bekommen, obwohl ich nirgendwo war.“ Ein anderer schreibt: „Ich lebe seit 28 Jahren in Deutschland und fühle mich zum ersten Mal in meinem Leben wie ein Ausländer.“

In Zukunft
sensibler vorgehen

Es sind Reaktionen, die auch in der jüngsten Sitzung des Stadtrates besprochen wurden. Sowohl Regina Georg (Grüne) als auch Ricarda Krüger (Die Partei) kritisieren das Handeln der Stadt. „Ich wünsche mir in solchen Fällen mehr Sensibilität“, forderte Georg. „Es bringt nichts, die Pandemie auf die Nationalität zu schieben“, ergänzt Krüger.

Oberbürgermeister Andreas März (CSU) versicherte in der Stadtratssitzung, dass es nicht seine Absicht gewesen sei, jemanden zu diskriminieren. Er habe „akut handeln müssen“, und der Brief sei sein „Mittel der Wahl“ gewesen. Er versprach, in Zukunft sensibler vorzugehen.

Das sagen die „Rosenheimer Vielfaltsgestalter“

Die Stadt sollte etwas für das Miteinander tun und nicht

einzelne Bürger ausgrenzen.

Eine Rosenheimerin, die den Brief erhalten hat

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