Jeder zehnte Notruf aus der Hosentasche

von Redaktion

Missbrauch von 110 und 112 kommt immer häufiger vor – Verbale Gewalt nimmt zu

Rosenheim – Fast 350 Notrufe gehen täglich bei der Integrierten Leitstelle in Rosenheim ein. Doch nicht jedes Mal befinden sich die Anrufer in einer misslichen Lage. Polizei, Rettungsdienst und Feuerwehr beklagen immer öfter den Missbrauch ihrer Notrufnummern – teils mit gravierenden Folgen.

Ein Herzinfarkt,
der keiner war

Über den Anruf ärgert sich Stefan Ertl noch heute. Der Leiter der Integrierten Leitstelle erzählt von einem 35-jährigen Rosenheimer, der vor einigen Wochen den Notruf gewählt hat. „Er hat gesagt, er hat einen Herzinfarkt und liegt auf der Straße.“ Ertl habe daraufhin sofort die Daten aufgenommen und einen Notarzt losgeschickt. „Da fiebert man natürlich selbst mit und hofft, dass alles gut geht.“

25 Minuten später hätten die Einsatzkräfte den Mann jedoch immer noch nicht gefunden. Ertl versuchte, den 35-Jährigen daraufhin erneut zu kontaktieren. Nach mehreren gescheiterten Versuchen habe dieser schließlich abgehoben. „Er war stark alkoholisiert und hat nur noch gelallt“, sagt der Leiter. Noch Tage später kann er über dieses Verhalten nur den Kopf schütteln. „Durch dieses Handeln hat er andere Menschen in Gefahr gebracht“, sagt er.

Denn der Leitstelle, die nicht nur für die Stadt, sondern auch für die Landkreise Rosenheim und Miesbach verantwortlich ist, stünden gerade einmal acht Notärzte zur Verfügung. Während einer dieser Notärzte also verzweifelt nach dem 35-jährigen Mann mit dem angeblichen Herzinfarkt gesucht hat, hätte er jemandem helfen können, der tatsächlich in Not ist.

Dass Fälle wie dieser immer wieder vorkommen, bestätigt auch Polizeihauptkommissar Robert Maurer. Er berichtet von Leuten, die den Notruf gewählt haben, weil ihnen kalt gewesen sei oder sie jemanden brauchten, der sie von einer Party nach Hause fährt. „Wer den Notruf absichtlich missbraucht, begeht eine Straftat und muss mit einer Geld- oder Freiheitsstrafe rechnen“, sagt Maurer. Auch müsse man an die vielen freiwilligen Helfer bei der Feuerwehr denken, die alles stehen und liegen ließen, um auszurücken. „Wenn es eine Notlage ist, helfen wir alle gerne. Aber wir lassen uns nicht an der Nase herumführen“, sagt Maurer.

Doch es sind nicht nur die Menschen, die aus Spaß oder Langeweile die Notruf-nummer wählen, mit denen sich die Einsatzkräfte rumschlagen müssen. Auch die sogenannten Hosentaschenanrufe kommen immer wieder vor – also wenn sich ein Handy in der Hosentasche selbstständig macht und einen Notruf absetzt.

Und das passiert laut den beiden Männer gar nicht mal so selten. „Am Tag bekommen wir zwischen 30 und 40 solcher Anrufe“, sagt Ertl. Umgerechnet heißt das: Fast jeder zehnte Anruf, der bei der Dienststelle eingeht, kommt aus der Hosentasche. Strafrechtliche Folgen für die Telefonbesitzer habe das aber nicht – solange die Technik Schuld ist.

Neben den Notrufnummer-Missbräuchen und den Hosentaschenanrufen gibt es auch noch eine dritte Gruppe. Das sind laut Stefan Ertl die Menschen, die dringend jemanden zum Reden brauchen und deshalb die 110 oder die 112 wählen. „Uns Zeit für diese Leute zu nehmen, sehe ich auch als unsere Aufgabe.“ Allerdings nur dann, wenn es zeitlich passt. Und genau die ist seit einigen Monaten wieder sehr begrenzt. Während es zu Beginn des ersten Lockdowns verhältnismäßig ruhig gewesen sei, sind Ertl und seine Kollegen jetzt wieder rund um die Uhr gefragt. „Seit drei Monaten sind die Anrufe wieder rapide nach oben gegangen“, sagt der Leiter.

Einsatzkräfte
bekommen Frust ab

Und mit den Anrufen auch die verbale Gewalt gegen die Mitarbeiter. „Da gibt es mittlerweile kaum noch Grenzen“, sagt Ertl. Sowohl jüngere, als auch ältere Menschen luden ihren kompletten Frust bei den Einsatzkräften ab und beschimpften diese. „Je nach dem wie schlimm es wird, bringen wir diese Fälle dann auch zur Anzeige“, sagt Polizeihauptkommissar Maurer.

Verständnis für ein solches Verhalten haben die beiden Männer nicht – denn eigentlich wollen sie ja nur helfen.

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