Rosenheim – Über der Rosenheimer Massage-Schule Inntal schwebt ein Damokles-Schwert. Davon ist zumindest deren Geschäftsführer Markus Pschick überzeugt. Nicht, weil sich künftig keine angehenden Masseure mehr finden, sondern weil die Ausbildung in seiner Schule für viele ein Sprungbrett ist: für die Ausbildung zum Physiotherapeuten.
Künftig nur mit Fachhochschulreife
Deren Berufsausbildung will der Bund grundlegend ändern. Bislang läuft diese über Berufsfachschulen. Künftig sollen die angehenden Therapeuten studiert haben und einen Bachelor-Abschluss vorweisen, um ihren Beruf ausüben zu dürfen. Damit ändern sich auch die Zugangsvoraussetzungen. Wo früher die Mittlere Reife oder neun Jahre Schule und eine Ausbildung zum Masseur und medizinischem Bademeister ausreichte, braucht es dann die Fachhochschulreife.
Am letzten Punkt hängt auch die Massage-Schule von Markus Pschick. 30 Prozent der Physiotherapeuten hätten den Weg in ihrem Beruf über den Einstieg als Masseur und medizinischer Bademeister gewählt, berichtet er. Fällt dieser weg, sei dies für seine Schule existenzbedrohend, zumal nicht klar sei, was mit dem Berufsbild der Masseure passiert, wenn die Akademisierung der Physiotherapeuten wirklich kommt. „Die Durchlässigkeit ist megawichtig, fällt aber weg“, klagt er über die neue Situation, sollte die Akademisierung kommen. Wohlgemerkt hat Pschick nichts gegen eine Teilakademisierung. Damit würde die Ausbildung wie bislang bestehen bleiben. Wer sich zu Höherem berufen fühlt, könnte seinen Bachelor berufsbegleitend draufsetzen.
Die geplante Reform ist unter den Fachverbänden umstritten. Der Deutsche Verband für Physiotherapie (DVP) wirbt nachdrücklich für die Akademisierung des Berufs und wünscht sich einen „reflektierenden Praktiker“, der nicht nur sein erlerntes Wissen anwendet. Die Bachelor-Therapeuten sollen sich mit neuen Erkenntnissen kritisch auseinandersetzen und neue Methoden ihrer Zunft auch bewerten können. Dies seien „Attribute der akademischen Ausbildung“, wie der DVP in einem entsprechenden Papier formuliert.
Auf der anderen Seite steht der Berufs- und Wirtschaftsverband der Selbständigen in der Physiotherapie (VDB). Dessen bayerischer Landesvorsitzender Marcus Troidl warnt ausdrücklich vor einer vollständigen Akademisierung der Ausbildung: „Wir denken, dass die Probleme der Physiotherapie – Fachkräftemangel, hoher bürokratischer Aufwand und schlechte Bezahlung – nicht durch ein Studium zu beheben sind“, findet er. Sein Verband fordert vielmehr, wie Pschick, eine Teilakademisierung, sodass zehn bis 20 Prozent der Kräfte in Lehre und Forschung aktiv werden könnten. Mit einer Vollakademisierung im Rahmen eines grundständigen Studiums und der damit unausweichlichen Schließung der Berufsfachschulen ist zu erwarten, dass der über Jahre bewährte, fachpraktische Unterricht an Bedeutung verliere und die Übung der wichtigen Handgriffe in den Hintergrund gerate. Er fürchtet, dass Berufseinsteigern dann die Handlungskompetenzen und die Sicherheit bei der praktischen Ausübung ihrer Profession fehlen. Anders sieht dies Dr. Sabine Ittlinger. Sie ist Dekanin der Fakultät für Angewandte Gesundheits- und Sozialwissenschaften an der Technischen Hochschule Rosenheim. Ittlinger verweist darauf, dass Deutschland innerhalb der EU mit seiner schulischen Physiotherapeuten-Ausbildung derzeit gewissermaßen eine Insel bilde. In allen anderen Mitgliedsländern sei ein Studium notwendig, will man diesen Beruf ergreifen. Und dies ergibt aus Sicht der Hochschullehrerin auch Sinn. Die Gesellschaft altere insgesamt, die Krankheitsbilder würden komplexer. „Es gibt kaum noch Menschen mit einfacher Diagnosestellung wie einer Hüftarthrose. Meist kommen hier noch viele weitere Erkrankungen dazu“, schildert die Dekanin.
Um auch diesen Patienten gerecht zu werden, reiche die bewährte fachschulische Ausbildung nicht mehr aus. „Die Anforderungen sind einfach komplexer, und darauf muss sich auch die Ausbildung einstellen.“ Die Durchlässigkeit der Bildungswege ist für Ittlinger auch dann noch gewährleistet, wenn Physiotherapeuten künftig an Hochschulen ausgebildet werden. Mit dem Abschluss als Masseur und medizinischer Bademeister erwerbe man in der Regel auch den mittleren Schulabschluss. Jedoch, gesteht sie, brauche es künftig noch einen Zwischenschritt: das Fachabitur oder eine dreijährige berufliche Praxis.
Komplexe Krankheitsbilder
So oder so reiche für sie der Realschulabschluss nicht aus, um Menschen mit komplexen Krankheitsbildern zu behandeln. „Wer die akademische Ausbildung machen will, kann dies prinzipiell tun. Es braucht vielleicht einen längeren Vorlauf, aber es geht.“ Ittlinger spricht zudem von langen Übergangszeiten, bis Physiotherapeuten ausschließlich an Hochschulen ausgebildet werden. Zwischen zehn und 20 Jahre werde dieser Transit dauern. Zudem verweist die ehemalige Leiterin einer Physiotherapeuten-Schule in Wasserburg darauf, dass sie einen großen Teil ihrer Schüler nach Österreich verloren habe, die dort aber ein Studium aufgenommen hätten.