Ein Leben zwischen vollen Tüten

von Redaktion

Lisa aus Rosenheim ist seit zwei Jahren obdachlos – Jetzt sucht sie eine Wohnung

Rosenheim – Tief gebeugt schiebt sie ihren Wagen über den Max-Josefs-Platz. An den Griffen hängen mehr als 20 gefüllte Stoff- und Plastiktüten. Einige Passanten drehen sich neugierig nach ihr um. In der Stadt hat man die Frau schon des Öfteren gesehen. Doch nur die wenigsten kennen ihre Geschichte.

Arthrose macht ihr
das Leben schwer

Lisa (Name von der Redaktion geändert) trägt einen dunkelgrünen Mantel. Darunter eine Jacke und einen Pullover. Die Fellkapuze verdeckt den Großteil ihres Gesichts. Nur einige grauen Strähnen blitzen hervor. Sie wirkt gepflegt, sieht jünger aus, als sie ist. Fast so als ob die Spuren, die das Leben auf der Straße hinterlassen haben, ihr Gesicht verschont haben. Mit ihrem Körper hatte sie weniger Glück. Erst vor einigen Monaten hatte sie einen Bandscheibenvorfall, hinzu kommen Arthrose und Wehwehchen, die das Alter so mit sich bringt. „Jahr um Jahr vergeht und ich sitze immer noch hier“, sagt sie.

Um 6 Uhr den
Schlafplatz räumen

Das Gespräch findet in der alten Druckerei statt, die seit einigen Monaten von den Vielfaltgestaltern als Büro genutzt wird. An den Wänden hängen Bilder, auf dem Tisch stehen einige Gläser und Wasserflaschen. Lisa rührt davon nichts an. Sie will weder essen noch trinken. „Wenn ich einmal anfange, kann ich nicht mehr aufhören“, sagt sie.

Sie sitzt an dem langen Konferenztisch, auf ihrem Schoß liegt ein schwarzer Rucksack, in dem sich ihr Geldbeutel und wichtige Papiere befinden. Nach zwei Jahren auf der Straße hat sie gelernt, ihre persönlichen Dinge immer im Blick zu haben. Sie hat auch gelernt, dass sie spätestens um 6 Uhr ihren Schlafplatz räumen muss, damit sie nicht vom Sicherheitspersonal entdeckt wird. Sie weiß, wann es die besten Angebote im Supermarkt gibt und welche öffentlichen Toiletten am saubersten sind.

Wenn Lisa über ihr Leben spricht, dann springt sie in ihrer Erzählung hin und her. Erst erzählt sie von ihrer Kindheit, dann von dem Moment, als sie von einer Gruppe Jugendlicher ausgeraubt wurde. Manche Fragen – wie die über ihr Alter oder warum sie auf der Straße gelandet ist – ignoriert sie, bei anderen kann man sie beim Antworten kaum bremsen. Belege, für das, was sie sagt, gibt es nicht. Aber etwas, an der Art, wie sie erzählt, lässt Zweifel verschwinden. Sie ist in Bad Reichenhall geboren, lebt, seit sie sieben Jahre alt ist, in Rosenheim. Nach ihrer Zeit an der Realschule hat sie eine Lehre gemacht und anschließend als Verkäuferin gearbeitet. Soweit scheint sich ihre Geschichte kaum von der vieler anderer Frauen zu unterscheiden.

Eine junge Frau mit Träumen sei sie gewesen und einem ungefähren Plan, wie sie diese erreichen könne, hatte sie auch. „Früher wollte ich die Welt retten. Doch stattdessen habe ich nichts erreicht“, sagt sie. Ihr Plan sei es gewesen zu studieren, anschließend beim Aufbau von Entwicklungsländern zu helfen. Doch dann sei sie krank geworden. Nachfragen hierzu weicht sie aus.

Stattdessen spricht sie über ihre Sammelleidenschaft. Darüber, dass sie schon als Jugendliche alles aufgehoben hat – egal, ob leere Pfandflaschen, Pappe oder eine Blumenvase, die an einer Seite einen Riss hatte. „Ich kann es nicht leiden, wenn Dinge weggeschmissen werden“, sagt sie. Kreativ sein nennt sie das. Umweltbewusstes Handeln. Und zum Teil mag sie damit auch recht haben. Aber es ist auch diese Sammelleidenschaft, die Lisa über die Jahre immer wieder in Schwierigkeiten gebracht hat. Erst in ihrem Elternhaus, später mit den Nachbarn und jetzt bei der Suche nach einer neuen Wohnung.

Denn Lisa sammelt alles. Plastiktüten, Regenschirme, kaputte Flaschen, leere Verpackungen. Sie hebt die Fundstücke von der Straße auf und verstaut sie in einer ihrer zahlreichen Tüten. Sie hängen an dem kleinen Wagen, den sie von früh bis spät abends vor sich her schiebt. Wenn sie in Geschäfte oder die Kirche geht, lässt sie den Wagen vor der Tür stehen und hofft darauf, dass er noch da ist, wenn sie wieder zurückkommt.

Von Fremden als
Abschaum bezeichnet

Und doch stellt sich die Frage, ob ihr Leben ohne Plastiktüten nicht einfacher wäre. Lisa zuckt mit den Schultern. „Vielleicht brauche ich das, für meine spätere Wohnung“, sagt sie fast trotzig. Vielleicht. Doch ziemlich sicher steht die Traube aus Beuteln und Tüten auch zwischen ihr und anderen Menschen. Schon ihre Mutter wollte wissen, warum sie so ist, wie sie ist. Leute auf der Straße bezeichnen sie als Abschaum. Einige Bekannte haben den Kontakt zu ihr schon lange abgebrochen. „Jetzt, wo man kaputt ist, ist niemand mehr da“, sagt sie.

Sich selbst
nicht verlieren

Wie genau es für Lisa weitergehen soll, weiß sie im Moment nicht. Sie braucht ein Dach über den Kopf, das steht fest. Doch Vermieter seien in der Vergangenheit verschreckt gewesen, wenn sie gemerkt hätten, dass sie die Frau mit den vielen Tüten ist. Für Lisa ein Teufelskreis. Denn ihre Sammelleidenschaft aufzugeben, hieße auch, sich selbst zu verlieren. Und genau das will die Frau aus Rosenheim um jeden Preis vermeiden. Denn nach all den Jahren ist sie selbst das Einzige, was ihr noch geblieben ist.

Wer Ideen hat, wo Lisa unterkommen könnte oder sie anderweitig unterstützen möchte, meldet sich bitte unter Telefon 08031/213212 oder per E-Mail an anna.heise@ovb.net.

Das sagt Susanna Schinnerl, eine Bekannte, die Lisa seit sechs Monaten kennt:

„Lisa ist eine sehr nette Frau. Sie sucht jemanden, der Gnade mit ihr hat und sie aufnimmt. Sie braucht ein Dach über dem Kopf, damit sie den Tag nicht mehr an der Heizung in öffentlichen Toiletten verbringen muss. Wir haben schon zahlreiche Gespräche geführt, in denen es auch um ihre Sammelleidenschaft ging. Ich glaube, es ist wichtig, dass man Lisa nicht nach ihren Tüten bewertet. Man muss sie wie einen normalen Menschen behandeln. Sie ist sehr bescheiden. Aber sie ist mit den Nerven einfach am Ende. Sie braucht einen Zufluchtsort. Eine Obdachlosenunterkunft ist kein Ort für Lisa. Auch wegen ihrer vielen Habseligkeiten. Ich habe bereits in den sozialen Medien nach einer Bleibe gesucht, bisher aber ohne Erfolg. Natürlich würde auch etwas außerhalb Rosenheims in Frage kommen, aber in der Stadt hat sie ihr Sozialleben aufgebaut. Hier hat sie Leute, die ihr ab und zu was zu essen bringen oder eine Thermosflasche mit heißem Wasser. Was Lisa braucht, ist ein Ort, an dem sie so sein kann, wie sie ist. Auch eine Pensionswohnung oder eine Ferienwohnung für den Winter wäre hilfreich. Zumal auch ein bisschen Miete gezahlt werden könnte. Sie mag es nicht, wenn man sie einengt oder versucht, sie in eine Struktur zu pressen. Lange hält sie es auf der Straße nicht mehr aus.“

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