Rosenheim – Das Video erscheint an einem Dienstag, es ist der 30. November. Es ist in schwarz-weiß gehalten, Johannes Gottwald und Johannes Eisner blicken in die Kamera. Ihr Gesichtsausdruck ist ernst. Sie hätten gehofft, dieses Video nie machen zu müssen, sagt Gottwald. Die beiden Musiker der Rosenheimer Band Kaffkiez veröffentlichen das Video auf Instagram, um ihre Tour abzusagen – die erste eigene seit ihrem kometenhaften Aufstieg vor knapp anderteinhalb Jahren. Auch ihr erstes Konzert in Rosenheim fällt damit aus.
Der Frust bei den
Künstlern ist groß
Bescheiden. So beschreibt Eisner die Stimmung in der Band am Telefon. „Den Umständen entsprechend“, sagt Gottwald. „Der Frust ist natürlich groß“, sagt Eisner. Die vergangenen Tage seien rasant verlaufen. Nach und nach war klar, dass sie immer weniger Konzerte würden spielen können. Als dann feststand, dass – bis auf ein Konzert – ihre gesamte Tour ausfallen wird, sei das ein „Downer“ gewesen, wie Gottwald sagt. „Wir hatten uns schon Ewigkeiten vorbereitet“, sagt Eisner. „Die Vorfreude war riesig, wir waren lange überzeugt, dass es dieses Mal klappt.“
Die Band, bestehend aus Eisner, Gottwald, Benedikt Vodermaier, Niklas Mayer und Florian Weinberger, hat einen enormen Aufstieg hinter sich. Schon seit Jahren spielten sie auf Abiturbällen und Geburtstagsfeiern, im Sommer 2020 veröffentlichten sie ihren ersten deutschen Song „Nie Allein“. Seitdem ging es steil bergauf: Verträge mit einer Plattenfirma und einer Booking-Agentur, Aufnahmen in professionellen Berliner Studios. Die Songs treffen den Zeitgeist des Lockdowns: Sie handeln vom Tanzen, von den Feiern und der Sehnsucht nach Gemeinschaft. Was aber fehlt: die Bühne. Bis auf ein paar wenige Ausnahmen im Sommer konnte die Band kaum Konzerte spielen.
Das sollte sich in diesem Winter ändern. Am 31. August kam der Instagram-Post: „Achtung anschnallen: Wir gehen auf unsere erste eigene Tour!“ Insgesamt zehn Konzerte in ganz Deutschland, außerdem eines in Innsbruck. Das wichtigste Datum dabei: der 22. Dezember. Die finale Show sollte im Rosenheimer Ballhaus stattfinden. Endlich das Heimspiel, nach anderthalb Jahren Kaffkiez. „Wir haben das den ganzen Sommer geplant, mehrmals pro Woche geprobt“, sagt Eisner. „Aber nicht nur wir, auch unsere Booking-Agentur war monatelang dahinter.“
Nicht um jeden
Preis durchziehen
Zuerst kam der Lockdown in Österreich – und mit ihm das Ende des Konzertes in Innsbruck. Aber auch in Deutschland stiegen die Infektionszahlen. Vor allem in Bayern. Die fünf Musiker waren gerade in Berlin, um ein Lied im ZDF-Morgenmagazin zu spielen, zwei Tage später hätte die letzte Generalprobe stattgefunden. Dann verkündete Bayerns Ministerpräsident Markus Söder neue Maßnahmen: Veranstaltungen dürften nur noch zu maximal 25 Prozent ausgelastet sein. „Da haben wir dann relativ schnell alles abgeblasen“, sagt Gottwald. „Wir wollen den Menschen ja das ganze Kaffkiez-Erlebnis bieten, mit Tanzen und Mitsingen. Außerdem wäre es bei vollen Intensivstationen und hohen Zahlen das falsche Zeichen gewesen, die Tour um jeden Preis durchzuziehen.“ In einem Schwarz-weiß-Video verkündeten Eisner und Gottwald das Tour-Aus auf Instagram.
„Es war unsere Entscheidung am Ende“, sagt Eisner. „Lieber haben wir dann für nächstes Jahr Planungssicherheit.“ Alle Tourtermine hat die Booking-Agentur auf das Frühjahr verschoben, die Fans können ihre Tickets einfach behalten. Das klingt einfacher, als es war: „Alle Bands buhlen schon um die Slots für 2022“, sagt Gottwald. „Je länger du wartest, desto schwieriger wird es.“ Außerdem plant die Band schon eine erneute Tour für den Herbst – noch größer, noch länger. Bis dahin soll auch das erste Album auf dem Markt sein, an dem die Rosenheimer gerade arbeiten. Sie wollen sich nochmal mehr Zeit nehmen, Lieder zu schreiben und sich musikalisch weiterzuentwickeln. Die Reisen ins Studio nach Berlin sind bereits geplant. „Wir versuchen, irgendwie weiterzumachen“, sagt Eisner. „Aber die Livemusik soll unser wichtigster Aspekt bleiben.“
Werbung für die
Corona-Impfung
Damit im nächsten Anlauf das Konzert in Rosenheim tatsächlich stattfinden kann, geht es in dem schwarz-weißen Video aber nicht nur um die Tour von Kaffkiez. In der zweiten Hälfte des Posts werben die Musiker für die Corona-Impfung. „Wir leben im Moment noch nicht von unserer Musik, aber viele andere schon“, sagt Eisner. „Und wenn das jetzt immer so weitergeht, dass den ganzen Winter keine Konzerte stattfinden können, wird das tiefe Spuren hinterlassen.“ Alle fünf seien der gleichen Meinung gewesen. „Wir sind keine Moralapostel“, sagt Gottwald. „Aber es frustet umso mehr zu wissen, dass diese Welle und die Absagen hätten verhindert werden können.“
Für ihr Video hätten sie positive Rückmeldungen bekommen. Und auch ihre Musik kommt weiterhin an „Wir freuen uns immer noch wie kleine Kinder, wenn unsere Lieder in einer Playlist auftauchen“, sagt Eisner. Gemeinsam mit ihrem Video haben sie einen neuen Song veröffentlicht. Eigentlich hätte dieser zum Tourstart kommen sollen, jetzt passe er aber trotzdem. Wie viele ihrer Lieder soll der Song gute Laune machen, zum Tanzen und Mitsingen anregen. Sein Titel: Alles geht vorbei.