111 Jahre im Bann der Frisuren

von Redaktion

Das Rosenheimer Haarcenter Hess blickt auf eine lange Familientradition zurück

Rosenheim – Es war das Jahr 1910 als Bader Johann Reichart, zusammen mit seiner Frau Wilhelmine, die Stadt Rosenheim betrat und damals noch nicht ahnte, dass er der erste Teil einer langen Friseurtradition werden würde. In der Münchener Straße eröffnete der Bader sein Geschäft, mit dem er sich als eine Kombination aus Friseur, Barbier, Pfleger und Arzt einen Namen machte. Rund 111 Jahre später sitzt die Urenkelin Renate Hess-Müller gemeinsam mit ihrer Tochter Savina an derselben Straße und erzählt von der aufregenden Geschichte des Haarcenters, das sich mittlerweile über fünf Generationen hinweg in der Stadt etabliert hat.

Bader als Treffpunkt
für die Einwohner

„Es war damals mehr eine Art Treffpunkt für die Rosenheimer, um sich pflegen zu lassen und nebenbei zu ratschen“, berichtet Renate Hess-Müller. Sie erinnert sich noch gut an die Geschichten, die innerhalb der Familie jeweils an die nächste Generation weitergegeben werden. Durch die Historie des Geschäfts in der Rosenheimer Innenstadt hat jedes Mitglied der Hess-Familie einen starken Bezug zur Vergangenheit und eine klare Vorstellung von den Anfängen des Friseurhandwerks.

Das Besondere am Geschäft von Johann und Wilhelmine Reichart: „Es war nicht nur ein Ort für Kosmetik, Haareschneiden oder sogar Zähneziehen, sondern obendrein eine Puppenklinik.“ Denn während der Bader die echten Haare versorgte, kümmerte sich Wilhelmine um die künstlichen Frisuren von Spielzeugen. Was nach einer verrückten Kombination klingt, legte den Grundstein für die Arbeit mit Perücken, über die sich das Haarcenter über das folgende Jahrhundert definieren sollte.

Egal ob Hans Hess, der Enkel Wilhelmines, seine Frau Anna oder die älteste Tochter und heutige Geschäftsführerin Renate – sie alle führen das Geschäft rund um die künstlichen Haare mit Stolz weiter. „Natürlich haben sich die Anforderungen im Lauf der Zeit vollkommen verändert“, sagt die 61-jährige Rosenheimerin.

Als Hans Hess im Jahr 1955 das Geschäft übernahm, waren Grace Kelly, Hochsteckfrisuren und Haarreifen angesagt. „Perücken galten damals als schick und gehörten bei viele Frauen dazu“, meint Renate Hess. Zudem entwickelte sich das Haareschneiden immer mehr zum „kreativen Akt“ als noch zu Zeiten des Baders Reichart.

Unter Großvater Hans Hess geschah 1966 auch der Umzug in den heutigen Laden an der Münchener Straße 54, wo das Haarcenter bis heute seinen Sitz hat. Auch wenn es innen damals völlig anders aussah als heute. „Da gab es nicht den Luxus von großen Stühlen, Kopfmassagen oder die Auswahl unterschiedlicher Pflegeprodukte“, sagt Savina Hess, mit 24 Jahren die aktuell jüngste Friseurin der Familie, bei einem Blick auf alte Fotos. Vielmehr waren auf engstem Raum kleine Stühle aufgestellt, die mit Vorhängen voneinander getrennt waren. Gearbeitet wurde zu besten Zeiten in mehreren Salons mit bis zu 40 Mitarbeitern, heute sind es noch zehn.

„Richtig los“ ging es bei der Rosenheimer Familie allerdings erst mit Anna Hess, der Frau von Hans, und ihren fünf Töchtern, die nach und nach allesamt zu Friseurinnen wurden. „Als ich 1976 mit der Schule fertig war, gab es nicht die große Auswahl, was man machen wollte“, erinnert sich Renate. Dementsprechend war es naheliegend, dass man das probierte, was die Eltern vorlebten. Und so halfen sich die sechs Frauen auf ihrem Weg. Sie bildeten sich teilweise gegenseitig aus und eröffneten alle ihre eigenen Salons. Als älteste Tochter war es schließlich an Renate. ihre Mutter zu beerben und den Betrieb, seit 1999 als Teilhaberin und seit 2006 alleine, weiterzuführen.

Doch auch wenn die 61-Jährige von Kindesbeinen an in ihr Handwerk hineingewachsen ist, stellt sich die Rosenheimerin noch neuen Herausforderungen. Mit Blick auf das traditionelle Kerngeschäft heißen diese in der heutigen Zeit: „Trage eine Perücke ohne, dass es jemand merkt.“ Die Zeiten, in denen Kunsthaare als modisch galten sind vorbei. Vielmehr gehe es nun darum, Haarausfall zu kaschieren, Krebserkrankten eine passende Frisur zu ermöglichen oder die Haare „natürlich“ zu verlängern.

Neue Perücken,
neue Ansprüche

Bei diesem Thema geht speziell Savina Hess, die mittlerweile fünfte Friseurgeneration, vollends auf. „Ich besuche zahlreiche Seminare und versuche nun voll einzusteigen“, meint die 24-Jährige, die vor zwei Jahren ihren Meister abgeschlossen hat und seitdem im Familienbetrieb arbeitet. Auch sie ist mit der Historie der eigenen Familie bestens vertraut und produziert zusammen mit ihrer Mutter Renate und Oma Anna einen generationenübergreifenden Podcast. Die Zukunft für das Haarcenter ist dementsprechend auch nach 111 Jahren bestens gesichert.

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