Wasserburg/Rosenheim –„Bin ich so in Ordnung?“ – Eine Frage, die sich wohl jeder Jugendliche irgendwann stellt und doch wissen viele nicht, mit wem sie darüber sprechen sollen. Eltern, Freunde? Alles zu peinlich. Die Ansprechpartner vom Kinder- und Jugendtelefon, der „Nummer gegen Kummer“ des Kinderschutzbundes sind genau dafür da. Anonym kann sich hier jeder kostenlos beraten lassen. Und das Angebot wird von vielen genutzt. Für das neue Jahr sucht die Organisation deshalb neue Berater und Beraterinnen. Denn, was viele nicht wissen, die „Nummer gegen Kummer“ wird von Ehrenamtlichen betrieben.
Es klingelt ununterbrochen
„Natürlich bieten wir eine Ausbildung an“, erklärt Dorothée Ortner, die die Telefonberaterinnen organisiert. Auch eine Beratung und Aufarbeitung vor allem nach besonders schwierigen Gesprächen bietet der Kinderschutzbund an. „Aber wir sind auf Ehrenamtliche angewiesen“, stellt Ortner klar. 34 seien derzeit im Einsatz, viel zu wenig für die Menge an Anrufen, die das Kinder- und Jugendtelefon täglich erreichen. „Bei uns klingelt es ununterbrochen“, sagt Ortner.
Die meisten Anrufer seien zwischen elf und 17 Jahre alt, erklärt Ortner und dabei könne alles dabei sein, vom Scherzanruf bis zum Hilfeschrei wegen häuslicher Gewalt. Pubertät, Sexualität, Konflikte mit den Eltern, (Cyber)-Mobbing in der Schule, Probleme im Freundeskreis, das seien die größten Gesprächsthemen, eben alles, was den Alltag der Jugendlichen bestimmt. Aber auch das Austesten von Dingen gehöre dazu, so auch das Austesten der „Nummer gegen Kummer“. „Wir haben viele, wie wir es nennen ‚alternative Kontaktversuche‘“, erklärt Ortner, sprich: Scherzanrufe. „Aber auch die muss man ernstnehmen“, stellt sie klar. Schließlich wisse man nie, wer am anderen Ende sei. Oftmals würden auch hinter den Scherzanrufen echte Probleme stecken, die die Jugendlichen aber (noch) nicht aussprechen wollen. „Da wird erst mal getestet, wer da überhaupt dran geht“, so Ortner.
Die Hoffnung sei, dass die Jugendlichen merkten, dass auch Erwachsene „cool“ sein können und, dass sie sich den Telefonberaterinnen bei der „Nummer gegen Kummer“ anvertrauen könnten. Immer klappt das nicht, manche „alternativen Kontaktversuche“ bleiben „alternative Kontaktversuche.“ Aber manchmal komme es eben auch anders. „Das kommt auf den Jugendlichen an und auch auf die Berater“, sagt Ortner.
„Man muss sich in die Lebenswelt von Jugendlichen einfühlen können. Man muss verstehen können, was Jugendliche bewegt.“ Dann könne auch aus einem Scherzanruf ein echtes Gespräch werden. Eingreifen ist bei der „Nummer gegen Kummer“ aber streng verboten, egal wie massiv die Probleme sind. „Wir sind anonym und das wird auch so zugesichert“, erklärt Ortner, auch wenn es um Misshandlungen gehe, müsse dieser Grundsatz aufrecht erhalten werden. „Das wäre sonst ein totaler Vertrauensbruch.“ Schließlich sei es oftmals das erste Mal für die Kinder und Jugendlichen, dass sie über ihre Probleme sprechen und sehr oft seien „überschnelle Handlungen“ auch nicht das richtige für die Jugendlichen. Mit der Zusicherung der Anonymität seien die Jugendlichen auch davor geschützt.
Man lernt auch
viel über sich selbst
Ganz hilflos sind die Telefonberaterinnen aber dennoch nicht. „Wir können aber beratend zur Seite stehen“, erklärt Ortner, „Wir können Ressourcen im Nahbereich aufzeigen und Hilfestellen weitergeben, an die sich die Jugendlichen wenden können.“
Nicht nur für die Anrufenden habe das Kinder- und Jugendtelefon Vorteile, so Ortners Überzeugung, auch die Beraterinnen könnten positiven Dinge daraus ziehen. „Man lernt sich selber kennen“, stellt Ortner fest. Trotzdem, die Arbeit sei nicht zu unterschätzen und könne anstrengend werden, deshalb seien die Beraterinnen auch nur zweimal im Monat für je drei Stunden im Einsatz. „Entsprechend viele Ehrenamtliche brauchen wir.“