„Damit habe ich nicht gerechnet“

von Redaktion

Golfspieler Simon Etschmann ist bei den„Special Olympics Deutschland“ dabei

Rosenheim/Prien – Unter dem Motto „Gemeinsam stark“ gehen vom 19. bis 24. Juni rund 4500 Sportler mit Behinderung bei den Nationalen Sommerspielen von „Special Olympics Deutschland“ in Berlin an den Start. Darunter auch ein 41-jähriger Golfer aus der Region.

Golf ist eine Kopfsache. Das sagt Simon Etschmann aus Prien gleich zu Beginn des Gesprächs. Er trägt einen blauen Pullover, darunter ein Hemd. Auf seinem rechten Ärmel prangt das Logo des Golfclubs Maxlrain. Seit drei Jahren gehören Schläger, Golfbälle und regelmäßige Trainingseinheiten auf dem Golfplatz zu seinem Leben dazu – und zu dem seiner Mutter Ursula. Sie ist es, die ihren Sohn zu den wöchentlichen Trainingseinheiten fährt oder zu den Turnieren nach Bielefeld, Regensburg oder Bubicon in der Schweiz. „Man muss schon sehr einsatzbereit sein“, sagt sie.

Während sie zu Beginn der Karriere ihres Sohnes hauptsächlich zuschaute, hat sie mittlerweile selbst zum Schläger gegriffen. „Ich brauche viel Geduld mit mir selbst und Durchhaltevermögen“, sagt Ursula Etschmann. Trotzdem könnten sich weder sie noch ihr Sohn – zumindest im Moment – ein Leben ohne den Golfsport vorstellen.

Talent beim ersten Training entdeckt

Auch deshalb, weil Simon Etschmann endlich einen Ort gefunden hat, an dem er so akzeptiert wird, wie er ist und an dem seine Beeinträchtigung keine Rolle spielt. Denn der 41-Jährige leidet an einer geistigen Behinderung. „Bei ihm läuft alles verlangsamt ab“, erklärt seine Mutter. Seinen Job im Altenheim habe er deshalb aufgeben müssen. Stattdessen arbeitet er seit über zehn Jahren als Monteur in den Wendelstein Werkstätten in Rosenheim. „Diese Arbeit mache ich gerne“, sagt er.

Über das Kursangebot der Wendelstein Werkstätten sei er überhaupt erst zum Golfsport gekommen. Nach mehreren Trainingsstunden habe die Geschäftsführerin des Golfclubs Maxlrain, Julia Busch, bei Ursula Etschmann angerufen. „Sie hat mir erzählt, dass Simon wirklich talentiert ist“, erinnert sie sich.

Putting-Matte
im Wohnzimmer

Von Busch lernt Simon Etschmann alles, was es über Golf zu wissen gibt. Er weiß, wie er den Schläger halten muss, wie seine Füße stehen müssen und in welchem Winkel er den Ball treffen muss, um ein bestmögliches Ergebnis zu erzielen. Einmal in der Woche trainieren die beiden zusammen. Wenn es seine Arbeit zulässt, spielt Simon Etschmann außerdem gemeinsam mit seiner Mutter auf dem Kurzplatz in Maxlrain. Er macht Gymnastik zu Hause, übt auf seiner Putting-Matte im Wohnzimmer, besucht das Fitnessstudio und achtet darauf, sich vor den Turnieren so gesund wie möglich zu ernähren.

Es ist ein Einsatz, der sich auszahlt. Stolz zeigt der 41-Jährige auf seine Medaillen, die er im Moment noch in einem Plastikbeutel aufbewahrt. Irgendwann, sagt er, will er sie alle in einer Vitrine aufhängen. Um in Erinnerungen zu schwelgen, aber auch, um sich immer wieder klarzumachen, dass er etwas geschafft hat, womit niemand rechnete. Am allerwenigsten er selbst.

Direkt bei seinem ersten Turnier in Maxlrain habe er sich die Goldmedaille gesichert. Ein Jahr später erzielte er den nächsten Erfolg bei einem Turnier in Regensburg. „Das war einer der schwersten Plätze, auf dem ich jemals gespielt habe“, sagt Etschmann. Es folgte Bronze bei den „Special Olympics“ in der Schweiz und der krönende Abschluss im Oktober 2021, als er sich für die Nationalen Spiele der Special Olympics 2022 in Berlin qualifizierte.

„Das ist schon etwas Besonderes“, sagt er. Damit gerechnet hat er nicht. Zumal ein Großteil seiner Gegner bereits auf eine jahrelange Golfkarriere zurückblickt. „Wir hatten am Anfang ja so gut wie keine Ahnung“, sagt Ursula Etschmann. Aber die Erfolge stünden weder für sie noch ihren Sohn an erster Stelle. Viel lieber erzählen sie von der freundlichen Atmosphäre im Golfclub und den zahlreichen Freundschaften, die über die Jahre entstanden sind. „Es spielt dort keine Rolle, dass Simon eine Behinderung hat“, sagt seine Mutter.

Noch Platz frei
im Plastikbeutel

Was für sie auch keine Rolle spielt ist, wie ihr Sohn bei den „Special Olympics“ in Berlin abschneiden wird. Obwohl sie durchaus anmerkt, dass allein der organisatorische Aufwand, um ihren Sohn bei dem Turnier anzumelden, extrem gewesen sei. „Es gelten ganz strenge Regeln“, bestätigt ihr Sohn.

Trotzdem freue er sich auf die kommenden Monate. Bis März will er es ruhiger angehen lassen, dann wird er – sollte es das Wetter zulassen – wieder auf dem Golfplatz zu finden sein. Gemeinsam mit seiner Mutter. Drei Monate bevor er sich in Berlin auf einer nationalen Bühne präsentieren wird. Ob es für eine Medaille reicht, wird sich zeigen – Platz in seinem Plastikbeutel wäre jedenfalls noch.

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