Rosenheim – Für Jonas Wies (33) war der Beruf des Clowns eigentlich mit seiner Geburt schon vorprogrammiert. Schließlich kam der 33-Jährige am 1. April zur Welt. Nach einem Ausflug in den Journalismus hat sich Wies als freischaffender Künstler 2019 selbstständig gemacht. So tritt er als Clown und Stelzenläufer bei Messen, Festivals und Stadtfesten auf. Für den Verein Klinik-Clowns Bayern ist der 33-Jährige ehrenamtlich zudem als Clown „Muck“ in Kliniken, Seniorenheimen und Hospiz-Einrichtungen unterwegs. Anlässlich des heutigen Weltkrebstags hat Wies mit den OVB-Heimatzeitungen über Lachen als Medizin, wertvolle Momente und den Clown als Bruder des Todes gesprochen.
Mit einer Krebserkrankung lachen können: Wie erreichen Sie Menschen, die im schlimmsten Fall gerade die letzten Tage ihres Lebens verbringen, mit Ihrer Mission, ihnen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern?
Letztlich genauso wie alle anderen, die wir besuchen: Durch einfühlsames Kennenlernen, fragen, ob wir einen kleinen Moment teilen wollen. Meistens sind wir willkommen, und dann wird es recht individuell und unterschiedlich: Oft tut’s schon ein kleiner Stolperer, manchmal gibt’s actionreichen Slapstick oder auch poetische Seifenblasen zu sanften Ukulelen-Klängen, Situationskomik oder Fantasiereisen – es gibt kaum Grenzen. Wie bei allen, so sind insbesondere am Lebensende schöne Momente besonders wertvoll und wichtig. Ganz am Ende wird es aber meist ruhiger und sanfter.
Nimmt jeder Patient Ihr Angebot an oder gibt es auch Personen, die Sie abweisen? Wie gehen Sie damit um?
Wir Klinik-Clowns fragen immer, ob wir ins Zimmer kommen dürfen. Meist genügt ein kurzer Augenblick, und die Neugier ist geweckt. Manchmal sind die Menschen aber gerade so mit sich, ihrer jeweiligen Situation oder etwas anderem beschäftigt, oder sie sind einfach zu müde oder zu schwach. Natürlich respektieren wir das. Gelegentlich schätzen sehr geschwächte Menschen trotzdem unsere Anwesenheit, weil wir nichts von ihnen wollen, und auch Ruhe und Entspannung bringen können. Wenn jemand nicht will, dann gehen wir. Das ist für manche Menschen im Krankenhaus das größte Geschenk: Sie bekommen ihren Willen. Manchmal freuen sie sich dann beim nächsten Mal umso mehr auf und über uns, manchmal nicht. Anfangs habe ich das persönlich genommen und war dann unzufrieden, mittlerweile schätze ich aber die Menschen sehr, die sich trauen, ihre Meinung offen zu sagen, und freue mich, dass ich mehr Zeit für diejenigen habe, die Lust auf mich haben.
Was meinen Sie: Wie wichtig ist es für den Therapieverlauf, einen Menschen zum Lachen zu bringen?
Mein Ziel als Clown ist keine Therapie. Meine Ziele sind lediglich Freude und schöne Momente. Das empfinde ich als große Erleichterung und gibt mir Freiheit. Allerdings hören wir immer wieder vom Personal, Angehörigen wie auch von Patientinnen und Patienten selbst, dass ihnen unsere Besuche zur Genesung oder zum leichteren Annehmen eines Schicksals beigetragen haben. Ich persönlich finde, fast alles geht mit Humor besser, leichter und oft schneller – auch Genesen.
Wie werden Sie vom Personal auf den Stationen im Romed-Klinikum Rosenheim angenommen?
In Rosenheim werden wir Klinik-Clowns außerordentlich gut angenommen und sind gern gesehene Gäste, auch in den Stationszimmern. Wir erhalten auf jeder Station eine Übergabe, besonders im sensiblen Bereich der Palliativstation ist diese entsprechend ausführlich. Hier erfahren wir Besonderheiten über die Patientinnen und Patienten: Spezielle Bedürfnisse, Einschränkungen oder aktuell wichtige Themen. Wir werden hier sehr wertschätzend und kollegial behandelt. Wenn es der Moment erlaubt, wird gerne auch mal kurz zusammen gelacht. Bei unserem letzten Besuch im Romed trafen wir zum Beispiel auf der Eltern-Kind-Station einen Arzt auf Visite zwischen zwei Zimmern. Er wünschte sich eine kleine Einlage, und als wir ihm dann einen rosa Herzluftballon feierlich überreichten, während wir ein altbackenes, romantisches Liebeslied trällerten, bei dem im Refrain auch noch das ganze Team einstieg, hatten wir und alle auf dem Gang viel Spaß und Gelächter von allen Seiten.
Welche Eindrücke nehmen Sie von Ihren Besuchen auf der Palliativstation in Rosenheim mit?
Gerade am Lebensende sind alle verbleibenden Momente umso wertvoller. Ich empfinde es als große Ehre, hier sein zu dürfen, und den Menschen auf diesem wichtigen Wegabschnitt ein kleiner Gefährte sein zu dürfen. Hier wird allgemein sehr wertschätzend und positiv gearbeitet und es ist ein wundervoller Ort für uns Clowns, mit all der Schwere und oft auch Leichtigkeit, die diesem Ort innewohnt. Es geht hier viel um Akzeptanz, und das lernen wir schon in unseren Fortbildungen: Orte, Menschen und Gegebenheiten so zu lieben, wie sie gerade sind. Ich habe einmal den passenden Spruch gehört: Clowns und der Tod sind wie Geschwister: Beide nehmen das Leben nicht so ernst.
Bei Ihren Besuchen sind Sie mit Schicksalen konfrontiert, die einen mitfühlenden Menschen nicht kaltlassen können. Wie viel von Ihren Eindrücken nehmen Sie mit nach Hause und wie gehen Sie damit um?
Ein wichtiger Faktor für unsere Arbeit ist die Psychohygiene. Diese pflegen wir durch regelmäßige Supervisionen, Lehrgänge und den Austausch mit der Spielpartnerin. Ganz praktisch streife ich mein persönliches Ich ab, wenn ich mich verkleide und meine Clownsnase aufsetze. Dann atme ich durch diese kleinste Maske der Welt, bin wach und offen, begebe mich in die Rolle des Clowns, sage „Ja“ zum Moment und zu allem, was ist und kommt. Ich sehe anders aus, bin anders gekleidet, spreche und bewege mich anders. Dann heiße ich „Muck“, und nicht mehr Jonas. Alles was passiert, erlebt der Clown Muck. Die Patientinnen und Patienten kennen mein privates Ich nicht.
Wenn ich mich nach einem Einsatz zurückverwandle, lasse ich einen tiefen Seufzer und viele Eindrücke und Erinnerungen in der roten Nase. Als Jonas gehe ich dann nach Hause, spiele mit meinem Hund, esse mit meiner Freundin zu Abend, treffe mich mit Freunden. Manchmal redet man über besonders schöne oder bewegende, auch traurige Erlebnisse, und schreibt sie in das Protokoll, welches wir über jeden Einsatz anfertigen. Natürlich lassen einen manche Schicksale nicht kalt. Aber die schönen Erinnerungen wärmen.
Wie nahe gehen Ihnen solche Schicksale gerade bei Kindern?
Im Romed-Klinikum Rosenheim gibt es ja keine Kinderkrebsstation, also nicht so viele schwer kranke Kinder. Aber in anderen Krankenhäusern bin ich häufig im Einsatz bei Kindern mit schweren Erkrankungen. Nach meiner Erfahrung gehen die meisten Kinder bewundernswert gut mit ihrem Schicksal um. Meistens kennen sie es ja nicht anders. Oft sind es macht- oder hilflose Eltern, die hier – verständlich – sehr leiden und hadern, was sich wiederum auf das Kind auswirkt.
Immer wieder gibt es äußerst positive Rückkopplungen, wenn Eltern ihre Kinder erleben, wie diese gelöst und offenherzig mit uns spielen, was die Eltern entspannt, was wiederum die Kinder und den ganzen Prozess erleichtert. Ich persönlich glaube, dass sich ein erfülltes Leben nicht in Jahren bemisst. Ich kenne Seniorenheimbewohner, die viel unglücklicher mit sich und dem Leben scheinen, als manch schwer krankes Kind. Jedoch wünscht man einem Kind und dessen Eltern natürlich ein langes, unbeschwertes Leben ohne unnötiges Leid.
Welche Botschaft würden Sie jenen Menschen mitgeben, die gerade davon erfahren haben, dass sie an Krebs erkrankt sind?
Oft ist es umgekehrt: Schwer kranke Menschen haben gelegentlich noch eine Botschaft, die sie hinterlassen wollen. Diese falte ich dann feinsäuberlich zusammen, mache eine schöne Schleife drumrum, und verstaue sie sicher irgendwo zwischen meiner Clownsnase und meinem Herzen. Bei Gelegenheit packe ich dann eine Botschaft aus dieser Schatzkiste aus, und schenke sie weiter. Darum habe ich eigentlich keine eigene Botschaft, oder auch sehr viele. Ganz oben liegt eine wichtige und vielzitierte: Lebe den Moment! Denn jeder Augenblick kann kostbar sein, und wird liebenswert, wenn man ihn nur lässt.
Interview: Jens Kirschner