Zu den Berichten „Hüter der Erinnerung kämpft weiter“ und „Stelen statt Stolpersteine“, erschienen im Lokalteil:
Ein sichtbares Zeichen im öffentlichen Raum zum Gedenken an die Opfer des unmenschlichen Naziregimes fehlt in Rosenheim noch immer. Sämtliche Anträge zu einer würdigen Erinnerungskultur wurden bisher abgelehnt. Nicht einmal die Änderung von bedenklichen Straßennamen durfte Thema sein. Die politisch Verantwortlichen wehren sich vehement gegen Stolpersteine, haben aber in der langen Zeit leider auch keinerlei alternative Formen des Erinnerns geschaffen. Für Siegfried und Roy wurden, fleißig unterstützt von Politik und Verwaltung, in wenigen Monaten Ideen über Ideen entwickelt. Alles gut, wenn man mit dem gleichen Engagement ein sichtbares würdiges Gedenken an unsere ermordeten jüdischen Mitbürger schafft. Bisher Fehlanzeige. In Rosenheim fehlte ja sogar bei der privaten Verlegung von Stolpersteinen im vergangenen Jahr der menschliche Anstand, höfliche Anteilnahme gegenüber den anwesenden Nachkommen zu zeigen. Zu Herrn Heindls Vorschlag folgende Anmerkung: In München sind Gedenktafeln an den Wohnhäusern angebracht, aus denen die Juden vor ihrer Deportation vertrieben wurden. Statt mit Stolpersteinen auf dem Boden vor dem Haus, gedenkt man mit Stelen an der jeweiligen Hauswand. Das will man in Rosenheim offensichtlich auch nicht. Man kann sich seine Gedanken machen, warum nun die CSU das Kirchenportal der Heilig-Geist-Kirche als den passenden Gedenkort präferiert? Weil man damit das unangenehme Erinnern ein wenig aus dem Fokus rücken kann. Das ist denkbar! Oder haben die Amtskirchen während der Nazidiktatur so vehement Widerstand geleistet, dass ein Kirchenportal der passende Gedenkort ist? Jeder weiß, dass genau das nicht zutrifft.
Bärbl Thum
Rosenheim
Wir begrüßen die Idee von Alt-Vizebürgermeister Anton Heindl, an einem zentralen Ort in Rosenheim an die Opfer des nationalsozialistischen Terrors zu erinnern. Dies kann aber das dezentrale Gedenken vor der Haustür der Opfer nicht ersetzen, nur ergänzen. Die Würdigung der Einzelschicksale ist entscheidend für ein zeitgemäßes Gedenken – ob durch Stolpersteine oder andere Erinnerungszeichen wie in München, das sollte im Ermessen der Angehörigen liegen.
Eine der von Ihnen gezeigten Stelen wurde 2017 zur Erinnerung an Siegfried und Paula Jordan gesetzt. 13 Jahre zuvor wurden für sie an dieser Stelle die ersten Stolpersteine in München verlegt, dann aber von der Landeshauptstadt verboten und wieder aus dem Pflaster gerissen. Für den Sohn Peter Jordan sei die Entfernung der Gedenksteine so gewesen, „als ob meine Eltern ein zweites Mal ermordet würden“, sagte er mir später.
Jahrelang kämpfte er vergebens für die Stolpersteine seiner Eltern, sogar vor Gericht. Diesen Fehler der Landeshauptstadt München muss Rosenheim wahrlich nicht wiederholen. Schon aus Respekt vor den Angehörigen, die uns ausdrücklich ihren Wunsch nach Stolpersteinen mitteilten, sollte die Verlegung auf öffentlichem Grund genehmigt werden.
Stolpersteine sind mit über 90000 Steinen in 1600 Gemeinden Europas (über 90 davon in Bayern) das größte Flächendenkmal der Welt. Zu den Befürwortern zählen Bundespräsident Walter Steinmeier, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Dr. Josef Schuster, und der bayerische Antisemitismusbeauftragte Dr. Ludwig Spaenle. Hoffentlich kann ihr Votum die Bedenken der CSU noch zerstreuen.
Wer die Inschrift auf einem Stolperstein liest, verneigt sich dabei vor den Opfern.
Dr. Thomas Nowotny
Stephanskirchen