Erinnerung an das alte Rosenheim

von Redaktion

OVB-Serie „Kunst im öffentlichen Raum“ – Folge 145: „Münchner Tor“

Rosenheim – Ein kräftiger Granitquader stellt sich den Passanten in den Weg, die vom Max-Josefs-Platz kommen, die König-Otto-Kreuzung queren und in die Münchener Straße weitergehen. Wer sich die Mühe macht, stehenzubleiben, entdeckt auf dem Steinblock ein feines Bronzerelief. Es zeigt das Obere Tor oder Münchner Tor, wie der Inschrift zu entnehmen ist, die auch Aufschluss darüber gibt, dass das Tor vom 15. Jahrhundert bis 1854 hier stand. Das Reliefbild selbst ist links unten signiert und datiert mit „R. D. 1996“.

Auftrag vom Stadtplanungsamt

Es war der Rosenheimer Künstler Rainer Dillen, der das fein strukturierte Flachrelief 1996 entwarf, und der Auftrag kam vom Stadtplanungsamt der Stadt Rosenheim. Der Ausbau der Prinzregenten- und Rathausstraße zwischen der Gillitzer- und der Brixstraße hatte Anlass für eine historische Betrachtung dieses Straßenabschnitts gegeben, den einst das Münchner Tor dominierte.

Sechs Tore schützten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts den Markt Rosenheim. Als einziges hat sich das Mittertor erhalten, das nach der Erweiterung des Inneren Marktes im 15. Jahrhundert um den Bereich Ludwigsplatz, Kaiserstraße und Färberviertel seine Funktion als Ostabschluss verloren hatte. Da es nun zwischen Innerem und Äußerem Markt lag, erhielt es den Namen „Mittertor“.

Das oben angesprochene Münchner Tor bildete den Westabschluss- und das Heilig-Geist-Tor den Nordabschluss des Inneren Marktes. Den Äußeren Markt säumten das Inntor, das Färbertor und das Wiesentor. Als im Stadtplanungsamt darüber nachgedacht wurde, wie man die Stadtgeschichte hier wieder in Erinnerung rufen könnte, entstand als erste Idee, den Grundriss des ehemaligen Münchner Tores durch einen anderen Belag kenntlich zu machen. Doch da das Tor genau auf der Mitte der heutigen König-Otto-Kreuzung gestanden hatte, erschien das zu gefährlich. Wer den Grundriss näher hätte betrachten wollen, hätte dazu nur bei den kurzen Grünphasen der Fußgängerampel Gelegenheit gehabt. Ein Unfall schien geradezu vorprogrammiert.

Alois Gartner hatte dann die Idee mit der Bronzeplatte. Der Stadtplaner im Rathaus Rosenheim kannte Rainer Dillen durch seinen Vater Alois Gartner senior, der jahrzehntelang in Rosenheim einen Kunstverlag betrieben hatte. So erhielt der Künstler, der neben seinen freien Arbeiten durch einige Werke im öffentlichen Raum, wie die mittlerweile zerstörte Sonnenuhr an der Grund- und Mittelschule Fürstätt (1978) oder dem „Vogelbrunnen“ hinter der Nikolauskirche (1985), sein Können unter Beweis gestellt hatte, den Auftrag.

Rainer Dillen orientierte sich bei seiner bildlichen Umsetzung des Münchner Tores an alten Bildern, wie den Zeichnungen von Friedrich Wilhelm Doppelmayr (1776 bis 1845), der in seiner Zeit als Landgerichtsassessor in Rosenheim (1808 bis 1816) den Markt und seine Umgebung in biedermeierlich genauen Zeichnungen festhielt. So sehen wir die steinerne Bogenbrücke, die über die beiden Wasserläufe des Marktgrabens führte und den zweistöckigen Torbau mit seiner großen Durchfahrt.

Vergangenheit wird lebendig

Mit wenigen skizzenhaften Strichen und einigem Beiwerk, wie den Bäumen und Büschen, gelingt es Rainer Dillen, die Rosenheimer Vergangenheit lebendig werden zu lassen. Am 18. Juli 1996 wurde Dillens Bronzeplatte, die in eine etwas größere Granitplatte eingelassen war, flach im Boden am Beginn der Münchner Straße verlegt.

Doch schnell ergaben sich vorher nicht bedachte Probleme. Bei Regen, Eis oder Schnee war die Platte sehr rutschig und stellte eine Gefahr für Passanten dar. Schließlich wurde sie auf einen Granitblock versetzt. Jetzt kann man sich nur noch daran stoßen, aber nicht mehr ausrutschen. „Mir war das Bronzerelief eh immer zu schade zum Darüberlaufen“, meint mit einem Augenzwinkern Alois Gartner.

Das Werk

„Münchner Tor“, Bronzerelief, 1996; Höhe 68 Zentimeter, Breite 76 Zentimeter, Tiefe 8 Millimeter, bündig auf einem 68 Zentimeter hohen Sockel aus Granit; Münchener Straße/König-Otto-Kreuzung, Rosenheim fie

Der Künstler

Rainer Dillen, 1938 in Kolbermoor geboren, lebte und wirkte, nach einer Ausbildung in München zum Tiefdruckretuscheur, ab 1960 in Rosenheim als freischaffender Maler, Grafiker, Bühnenbildner und Illustrator. Der Sohn des niederländischen Malers Peter Martinus Dillen (1890 bis 1985) erhielt 1968 den Kulturförderpreis der Stadt Rosenheim. Sein kritischer Geist ließ den Künstler 1971 zum Mitbegründer des „Rosenheimer Forums für Städtebau und Umweltfragen“ werden. In seinem vielfältigen malerischen und druckgrafischen Werk setzte sich Dillen zentral mit den Themen Mensch, Schicksal und Kosmos auseinander. Sein Weg führte dabei von realistischen, großformatigen Porträts über vegetative Formen zur abstrakten Figuration. Im Mai 2019 starb Rainer Dillen in seinem Haus Am Gangsteig, auf der Grenze zwischen Rosenheim und Kolbermoor.fie

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