„Ich habe keine Angst um die Kirche“

von Redaktion

Interview Diakon Brader über Missbrauch und Coming-outs – Segnung für alle

Rosenheim – In der katholischen Kirche St. Michael findet am Sonntag eine Segnung für alle Paare statt – also auch für Homosexuelle. Neu ist die Aktion nicht. Und doch scheint es gerade jetzt ein wichtiges Signal zu sein. Ein Gespräch mit Diakon Erwin Brader über die katholische Coming-out-Aktion, den Missbrauchsskandal und warum er trotz allem keine Angst um die Institution Kirche hat.

Die Nachrichten über die katholische Kirche überschlagen sich. Erst im Januar haben sich beispielsweise 125 Kirchen-Mitarbeiter als queer geoutet. In Ihren Augen ein richtiger Schritt?

Ich finde die Aktion der Frauen und Männer, die sich bei dieser Aktion geoutet haben, sehr mutig, stellt man sich doch dadurch auch in den Fokus der Öffentlichkeit, ohne zu wissen, wie die Umwelt reagiert. Ich glaube fest daran, dass wir alle als Gottes Kinder von ihm geliebt werden und so wie wir sind auch angenommen werden.

Passend zu dieser Einstellung findet am Sonntag in St. Michael eine Segnung für alle Paare statt. Wobei Sie das Wort „alle“ in der Einladung extra gefettet haben.

Das Format „Der Liebe wegen nach St. Michael“ ist nicht neu. Seit einigen Jahren nutzen wir die Gelegenheit am Valentinstag, eine Segnung für alle Paare stattfinden zu lassen, die schon von verschiedenen Seelsorgern gestaltet wurde. Immer schon waren alle Paare, die den Segen Gottes erhoffen, dazu eingeladen.

Was erhoffen Sie sich von der Veranstaltung?

Die Segensfeier könnte ein kleiner Baustein sein, bei der sich Paare Zeit nehmen, sich der vielen schönen Seiten ihrer Beziehung und ihrer Partner bewusst zu werden. Dies kann eine Kraftquelle für den Alltag werden. Durch den Segen drückt sich aus, dass sie in ihrer Beziehungsarbeit nicht alleine sind, sondern darauf vertrauen dürfen, dass da einer ist, der sie begleitet.

Worauf kommt es in einer Partnerschaft in Ihren Augen an?

Partnerschaft ist kein Selbstläufer: Man spricht nicht umsonst von Beziehungsarbeit. Nach den berühmten Schmetterlingen im Bauch, dem Verliebtsein, kommt die lange Zeit des sich einander Liebens, das in jeder Beziehung ab und aufs kennt. Es braucht immer wieder gute Momente und man darf sich nicht aus den Augen verlieren. Zur gemeinsamen Entwicklung gehört es meiner Meinung nach, den anderen anzunehmen, wie er ist und sich zugleich ein gegenseitiges Korrektiv zu sein.

Wenn man im Moment über die katholische Kirche spricht, kommt man nicht herum, über die Missbrauchsgutachten zu sprechen. Wie stoppt man die Austrittswellen?

Es geht ja nicht darum, die davon schwimmenden Felle zu retten und die Leute von ihren Austritten abzubringen. Vielmehr geht es darum, den Blick auf die Opfer zu lenken. Es ist notwendig, deren Leid ernst zu nehmen und aufrichtig um Vergebung zu bitten.

Und kann sich die Kirche davon erholen?

Trotz der schrecklichen Vorkommnisse erlebe ich vor Ort viele Menschen, denen nach wie vor die Kirche sehr am Herzen liegt und die in dieser Kirche auch ihren Glauben leben wollen, ohne die Augen zu verschließen vor all dem, was passiert ist. Wenn wir uns als Kirche auf unsere Kernkompetenz konzentrieren, sprich die Botschaft des Evangeliums, die Botschaft Jesu Christi, und seinen Fokus auf die Armen und Ausgegrenzten in den Blick nehmen, habe ich keine Angst um die Kirche, die immer wieder und ganz dringend in diesen Tagen Erneuerung braucht.

Muss die Kirche ihr Arbeitsrecht ändern und vielleicht sogar aktiv auf die Menschen zugehen, die nicht heterosexuell leben? Stichwort Nächstenliebe.

Grundsätzlich ist auch das Arbeitsrecht der katholischen Kirche nach den Sozialprinzipien Personalität, Solidarität, Subsidiarität ausgerichtet. Dennoch ist es meiner Meinung nach notwendig, den einzelnen Menschen in den Fokus zu nehmen und zu versuchen, dass jedem gerecht wird unabhängig von seiner sexuellen Neigung.

Der Valentinstag ist für viele ein eher kommerzieller Tag, bei dem die eigentliche Bedeutung verloren geht. Deswegen: Worum geht es eigentlich beim Valentinstag?

Der Valentinstag ist zugegebenermaßen wie Weihnachten kommerzialisiert worden. Worum es beim Valentinstag wirklich geht, ist die Faszination der Liebe zwischen zwei Menschen. Der heilige Valentin hat die Liebe zweier Menschen gesehen und sich um sie gekümmert. An diesem Valentinstag wollen wir die Paare segnen und auf seine Fürsprache vertrauen.

Interview: Anna Heise

Der Liebe wegen

Am Sonntag, 13. Februar findet um 18.30 Uhr in der Kirche St. Michael in der Westerndorfer Straße 43 eine Segnung aller Paare statt. In einem Wortgottesdienst können sich die Paare auf einem Stationenweg Gedanken über ihre Beziehung machen. Am Ende des Gottesdienstes werden alle Paare einzeln gesegnet, egal ob verliebt, verlobt oder verheiratet.

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