Rosenheim – Die Menschen kehren wieder in die Rosenheimer Innenstadt zurück. Doch durch die Pandemie hat sich nicht nur das Einkaufsverhalten der Bürger geändert. Ein Gespräch mit dem Wirtschaftsdezernenten der Stadt, Thomas Bugl, über Neueröffnungen, die positiven Aspekte der Pandemie und warum Rosenheim eine geeignete Gesundheitsstadt wäre.
Ein Spaziergang durch die Fußgängerzone verrät: Nach fast zwei Jahren Pandemie kehrt das Leben zurück in die Innenstadt. Stimmt diese Wahrnehmung?
Das lasergestützte Messsystem, das die Stadt in Zusammenarbeit mit der Sparkasse Rosenheim-Bad Aibling betreibt, hat für Januar 2022 rund 800000 Passanten in der Innenstadt gezählt. Das ist ungefähr zweieinhalbmal so viel wie im Vorjahresmonat, in dem die Innenstadt im Lockdown versunken ist. Das heißt: Wir legen bei der Passantenfrequenz erfreulicherweise wieder gewaltig zu, sind allerdings noch gut 200000 Besucher vom Januar 2020 – als es bei uns weder Corona noch Lockdown gab – entfernt.
Wie schafft man es also, noch mehr Menschen in die Innenstädte zu locken?
Erstens ist entscheidend, dass die Pandemie nachhaltig überwunden wird und die Lockdowns ein definitives Ende finden. Zweitens braucht eine attraktive Innenstadt nach wie vor einen vielfältigen Branchenmix und eine qualitativ gute Gastronomie. Drittens braucht es die Aufwertung des öffentlichen Raums, wie im vergangenen Jahr mit „Rosenheim blüht auf“ erfolgreich umgesetzt. Viertens braucht es aktive Immobilieneigentümer, die dafür sorgen, bestehende Leerstände möglichst schnell wieder zu füllen. Fünftens sind zusätzliche Frequenzbringer, wie öffentliche Einrichtungen, zum Beispiel Kitas, sicherlich sinnvoll.
Es gibt ein Diskussionspapier des Wuppertal Instituts für die „Post-Corona-Stadt“, das deutlich macht, dass sich eine Stadt nicht mehr nur über den Konsum definieren darf. Muss Rosenheim also weg vom Image der Einkaufsstadt?
Klar ist: Deutschland verfügt europaweit mit über die größten Einzelhandelsflächen pro Kopf. Gleichzeitig steigt der Onlinehandel nach wie vor mit zweistelligen Zuwachsraten an. Zudem stehen viele inhabergeführte Einzelhandelsgeschäfte vor einem höchst unsicheren Generationswechsel. Die logische Konsequenz daraus ist, dass der bisherige enorm hohe Einzelhandelsbesatz in unseren Innenstädten in diesem Ausmaß nur noch schwer zu halten sein wird. Damit ergeben sich ganz zwangsläufig multifunktionale Nutzungen. Diese Entwicklungstrends sind auch in Rosenheim zu spüren. Die Einzelhandelszentralität geht seit etlichen Jahren zurück, liegt aber im Städtevergleich erfreulicherweise immer noch auf Spitzenniveau. Insofern bedarf das Profil Rosenheims als Einkaufsstadt entsprechender Ergänzungen. Nicht zuletzt dank des Romed-Klinikums und des neuen Medical Cubes am Bahnhof Nord, bietet sich das Profil der Gesundheitsstadt Rosenheim geradezu an.
Es wirkt fast so, als ob die Pandemie nicht zur Negatives mit sich gebracht hat.
Rosenheim hat bewiesen, dass es in der Corona-Krise schnell und agil reagieren und gegensteuern konnte. Zu nennen sind hier zum Beispiel die erweiterten Sondernutzungsflächen für die Gastronomie im Außenbereich, die Veranstaltungen im Rahmen des „Sommers in Rosenheim“, die Aufwertung der öffentlichen Räume im Zuge von „Rosenheim blüht auf“, der Verzicht auf Sondernutzungsgebühren für die Außengastronomie, die Übernahme der Kosten für die Weihnachtsbeleuchtung im Jahr 2020 oder die Stundung von Gewerbesteuern. Insofern waren Corona und Lockdowns zwar gewaltige Einschnitte, die aber eine neue Entwicklungsdynamik für die Innenstadt freigesetzt haben.
Und doch verrät ein Spaziergang durch die Stadt auch, dass es nach wie vor zahlreiche Leerstände gibt.
Die Leerstände werden regelmäßig durch die Wirtschaftsförderung erhoben. Von den rund 350 Unternehmen im Innenstadtbereich stehen derzeit 32 Geschäfte leer. Die Leerstandsquote liegt damit bei unter zehn Prozent. Im Städtevergleich ist diese Quote außerordentlich niedrig. Zudem konnten in der letzten Zeit 22 Ladeneinheiten wieder neu vermietet werden. Und es werden verstärkt Einzelhandelsflächen modernisiert und dadurch aufgewertet.
Die Tatsache, dass die ehemalige Sutor-Filiale in der Münchener Straße wieder einen Nachmieter hat, zeigt, dass es nach wie vor viele Einzelhändler nach Rosenheim zieht. Woran liegt das?
Das liegt an einem Mix aus mehreren positiven Standortfaktoren Rosenheims: Erstens an der immer noch enorm hohen Einzelhandelszentralität, also an der überdurchschnittlich hohen Kaufkraft der Rosenheimer Bevölkerung und des großen Einzugsbereichs für Kunden aus dem Landkreis und dem angrenzenden Tiroler Raum. Zweitens an dem vielfältigen wie qualitativ guten gastronomischen Angebot im innerstädtischen Bereich. Drittens an dem speziellen Ambiente der historischen Innenstadt. Viertens an speziellen Angeboten, wie dem Rosenheimer Lokschuppen, der auch heuer mit der neuen Ausstellung „Eiszeit“ wieder 150000 bis 200000 Besucher nach Rosenheim ziehen dürfte. Fünftens setzt die Stadt ganz bewusst auf die innerstädtischen Immobilieneigentümer: Sie sollen selbst für attraktive Vermietungen sorgen. Es ist nicht Aufgabe der Stadt, durch Zwischenanmietungen dem Vermieter das unternehmerische Risiko abzunehmen.
Interview: Anna Heise