Tote Hose im Rosenheimer Swingerclub

von Redaktion

Seit mehr als zwei Jahren hat die Rosenheimer „Villa Fantasy“ coronabedingt geschlossen. Deren Betreiber kamen bislang mit den Corona-Hilfen einigermaßen über die Runden. Doch nun haben sich Michaela und Stefan Irber in einem Brief an Markus Söder gewandt.

Rosenheim – Ihr Schreiben beginnt mit einem Dank. Für das Engagement, die Bevölkerung wie auch die Unternehmen bestmöglich durch die Corona-Pandemie zu führen. In einem offenen Brief haben sich Michaela und Stefan Irber an Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder gewandt. Zentral darin ist eine Frage: Wann dürfen die beiden ihren Swingerclub endlich wieder öffnen?

Lockerung
restriktiv handhaben

Seit gut zwei Jahren muss die „Villa Fantasy“ an der Rosenheimer Innlände geschlossen bleiben. Bayerns Infektionsschutzmaßnahmenverordnung lässt hier keinen Spielraum. Denn auch, wenn die Gäste dort für den Eintritt, nicht aber für das eigentliche Liebesspiel bezahlen, fällt der Swingerclub unter das, was Bayerns Staatsregierung als „Bordelle oder ähnliche Freizeiteinrichtungen“ versteht. Und bei allen Lockerungen in Sachen Gastronomie und Kultur: In diesem Bereich hält die Staatsregierung straff an ihrem Öffnungsverbot fest.

„Die Öffnung diverser Arbeitsbereiche im Sektor der erotischen und sexuellen Dienstleistungen, zu denen auch Swingerclubs zählen, ist aus infektionshygienischer Sicht als höchst risikobelastet zu sehen“, begründet Bayerns Gesundheitsministerium auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen, warum der Freistaat an dieser Regel festhält.

Die Mindestabstände bei „jeglicher Durchführung sexueller Handlungen“ könnten, wenn überhaupt, nur „unzureichend sicher“ eingehalten werden. Regelhaft bestehe ein intensiver Körperkontakt. „Die Öffnung sollte daher aus infektiologischer Sicht aufgrund der erhöhten Ansteckungsgefahr restriktiv gehandhabt werden.“

Kredit für
Betriebslizenz

Für das Betreiberpaar Irber werde es finanziell allmählich eng, sagen die beiden. Dabei geht es ihnen nicht um die laufenden Kosten, für welche derzeit der Staat mit seinen Corona-Überbrückungshilfen aufkommt. Es geht um ein Darlehen, das sie aufgenommen hätten, um die Lizenz ihres Vorgängers für den Betrieb des Swingerclubs abzulösen.

Einen sechsstelligen Betrag hätten sie dafür gezahlt. Das Darlehen hierfür müssten sie nun mit Erspartem abtragen. Mit finanziellen Reserven, die sich allmählich dem Ende zuneigten. Vier Wochen noch, schätzt Irber, reiche das Geld. Dann sehe es düster aus. Stefan Irber spricht von „Insolvenz anmelden“.

Im vergangenen Jahr, berichtet er, habe es ein kleines Zeitfenster gegeben, in dem die „Villa Fantasy“ wieder öffnen durfte. Wenngleich mit logistischem Aufwand: Eine Security habe er angestellt, um die Impfnachweise zu kontrollieren, zudem eine Krankenschwester organisiert, um die Gäste auf Corona zu testen. Diese wiederum hätten geduldig draußen in der Kälte gewartet, bis sie dran waren. „Das war nicht notwendig, aber wir haben es trotzdem gemacht“, sagt Stefan Irber. Zudem habe man die Club-Gäste gebeten, ihre Kontaktdaten zu hinterlassen. Vier Wochen hätten die Zettel in einem Schrank gelagert, bevor sie, wenn kein Corona-Fall auftrat, im Schredder gelandet seien.

Ein vorgeschriebenes Hygienekonzept habe man ohnehin erstellt und eingehalten. Gerade deswegen: „Es erschließt sich uns nicht, warum unter Einhaltung von Hygienekonzepten sowie einer 2G-plus-Regelung der Besuch eines Swingerclubs ein größeres Risiko darstellen soll als die Tätigkeit in einem Großraumbüro“, schreiben die Irbers an Ministerpräsident Markus Söder. Was die beiden besonders ärgert: In benachbarten Bundesländern gebe es kein Öffnungsverbot für Swingerclubs.

Das stimmt wiederum nur zum Teil. In Sachsen und Thüringen zum Beispiel müssen sie genauso wie in Bayern derzeit geschlossen bleiben. In Baden-Württemberg hingegen dürfen sie unter Auflagen öffnen. Und auch in Österreich stehen geneigte Swinger derzeit nicht vor verschlossenen Türen. Darunter in Kufstein. Inzwischen würden ihre Gäste dorthin ausweichen. Und vielleicht auch dort bleiben, um ihre sexuellen Neigungen mit Gleichgesinnten ausleben zu können, wie die Irbers befürchten.

Ehrenkodex
unter den Gästen

Denn Vertrauen zu den Betreibern gehöre bei Swingerclub-Betreibern dazu. „Diskretion ist oberstes Gebot“, sagt er. Seine Gäste freundlich zu grüßen, gehöre in seiner „Villa Fantasy“ für ihn als Gastgeber selbstredend dazu. Trifft er einen seiner Gäste auf der Straße, sei ein solcher Gruß jedoch tabu. Das gelte auch für die Gäste untereinander. Ein Ehrenkodex quasi. Der komme nicht von ungefähr, schließlich gehöre auch der ein oder andere „Würdenträger“ zum Kreis seiner Gäste: Bürgermeister, Richter, Ärzte.

Wohl erst für die Zeit nach dem 19. März dürfen sich Michaela und Stefan Irber Hoffnung machen, dass sie ihre „Villa Fantasy“ wieder öffnen dürfen. Nach den jüngsten Beschlüssen des Bayerischen Ministerrats soll das Öffnungsverbot bis dahin verlängert werden. Erst dann liegt es wieder in der Hand des Bundesgesetzgebers, ob er die Länder erneut ermächtigt, eigene Verordnungen zur Eindämmung der Pandemie zu erlassen. Der Beschluss der Bund-Länder-Konferenz vom Dienstag lässt zumindest darauf hoffen, dass es nicht so weit kommt.

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