Luise Schreiner in jungen Jahren. Foto privat
Rosenheim – Luise Schreiner ist empört, seit sie weiß, dass der Kastenauer Hof wohl einer Wohnbebauung weichen muss (wir berichteten). Auch um die Schützen, die mit dem Abriss des Gebäudeensembles ihr Heim verlieren, tut es ihr leid. Mit dem Gasthof verbindet die gebürtige Kastenauerin viele Erinnerungen – positive wie negative.
Aufgewachsen mit
fünf Geschwistern
Nachdem sie in den OVB-Heimatzeitungen gelesen hatte, was mit dem Gasthaus nebst Schützenheim geschehen soll, griff sie zum Hörer und meldete sich in der Redaktion. Denn die Kastenau, vor allem jedoch der Kastenauer Hof gehörten bis zu ihrem Umzug nach Stephanskirchen zu ihrem Leben einfach dazu. „Ich bin zwar schon eine Zeit lang weg aus der Kastenau, aber die Örtlichkeiten berühren mich noch immer.“
Im Dezember 1935 kam Luise Schreiner in der Kastenau auf die Welt. Vier Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, dessen Schrecken die heute 86-Jährige noch miterleben musste. Ihr Bruder wurde genauso zur Wehrmacht eingezogen wie ihr Vater.
Gemeinsam mit fünf Geschwistern wuchs Schreiner auf. In einem „Kaffemühlhäusl“ hatten sie und ihre Familie damals gelebt. Bis 1940 ein Hochwasser die Siedlung verwüstete. „Wir haben alles verloren, alle Häuser“, erinnert sich die 86-Jährige. Und nicht zuletzt herrschte noch immer Krieg. Während dieser Jahre, aber auch danach gab es einen Hoffnungsanker für Luise Schreiner, an dem sie und ihre Freunde Halt finden konnten: den Kastenauer Hof, die damalige Waldwirtschaft.
Die Wirtin, berichtet Schreiner, habe den Kindern immer wieder Unterschlupf gewährt. „Wir haben immer eine offene Tür bei ihr gehabt“, erinnert sich die langjährige SPD-Stadträtin. Auch das ein oder andere Getränk wie auch Süßigkeiten habe die Wirtin ihren jungen Besuchern spendiert. Kurzum: „Im Kastenauer Hof liegt meine Kindheit“, sagt Schreiner, warum ihr der geplante Abriss des Ensembles aus Gasthof und Schützenheim empört.
Unterschlupf bot der Kastenauer Hof Luise Schreiner jedoch in mehrerlei Hinsicht: Denn auch während des großen Luftangriffs der Alliierten auf Rosenheim nahm die Wirtin Luise Schreiner und ihre Geschwister im Keller des Kastenauer Hofs auf. Eine andere Wahl hatten sie auch nicht. Schreiners Vater hatte sich geweigert, der NSDAP beizutreten. Damit sei ihre Familie in der Kastenau mehr oder minder isoliert gewesen.
Konservativ
geprägtes Umfeld
Auch nach dem Krieg blieb Luise Schreiner dem Kastenauer Hof verbunden. Genauer gesagt dem Salettl. Wo heute der Schützenverein seinem Sport nachgeht, war seinerzeit der Kindergarten untergebracht. 15 Jahre alt war sie, als sie dort begann, als Helferin zu arbeiten. Direkt nachdem sie die Schule verlassen hatte. Gemeinsam mit einer anderen Kraft bereute sie damals bis zu 50 Buben und Mädchen. Drei Jahre später bekam Luise Schreiner ihre Anerkennung als staatlich geprüfte Kinderpflegerin.
Kämpfen musste sie schon damals, vor allem als Sozialdemokratin in einem konservativ geprägten Umfeld. 30 Jahr saß Schreiner für die SPD im Rosenheimer Stadtrat, ihr Herz hing jedoch vor allem an ihrem Engagement bei der Arbeiterwohlfahrt.
Auch damit machte sie sich in der Kastenau nicht nur Freunde. Und dennoch hängt sie an diesem Stadtteil und dem Kastenauer Hof.