Erleichterungen schaffen

von Redaktion

Rosenheimer gründet Selbsthilfegruppe für Jugendliche, die auf Therapieplatz warten

Rosenheim – Wer in der Region einen Therapieplatz braucht, muss oft monatelang suchen. Ein Rosenheimer hat jetzt die Selbsthilfegruppe „Teen Talk“ gegründet, um Jugendliche während der Zeit des Wartens zu unterstützen. Über ein Angebot, das dringend gebraucht wird.

Kein Platz
auf der Warteliste

Michael Jahn hat genug vom Warten. Er ist Coach und arbeitet seit 20 Jahren im Sozialbereich. Hier hat er immer wieder mit Menschen zu tun, die psychisch erkrankt sind. „Viele von ihnen warten schon seit Monaten auf einen Therapieplatz“, sagt Jahn. Neu ist das Problem nicht. Und doch ist jetzt etwas passiert, das Jahn zum Handeln bewogen hat: Auch in seiner Familie brauchte jemand plötzlich einen Therapieplatz. Am eigenen Leib erfährt der Rosenheimer nun, wie schwierig es tatsächlich ist, Hilfe zu finden. Er telefoniert, wird vertröstet und auf Wartelisten gesetzt. „Einige wollten noch nicht einmal das machen“, sagt Jahn. Untragbare Zustände seien das. „Das wäre so, wie wenn man bei Zahnweh ein dreiviertel Jahr auf einen Termin warten muss“, sagt Jahn.

In den vergangenen 15 Jahren habe sich laut dem Rosenheimer bereits angedeutet, dass psychische Erkrankungen auf dem Vormarsch sind. Die Corona-Pandemie habe diese Entwicklung noch einmal beschleunigt. Vor allem bei Kindern und Jugendlichen. „Sie verstehen am wenigsten und leiden am meisten“, sagt Jahn. Die Noten hätten sich bei vielen Schülern dramatisch verschlechtert, zudem fehle der soziale Zusammenhalt. Psychische Erkrankungen wie Burnout oder Depressionen seien nicht selten die Folgen. „Es ist frustrierend für die Betroffenen, wenn sie dringend Hilfe benötigen, diese aber frühestens in sechs Monaten erhalten“, sagt Michael Jahn.

Um die Zeit bis dorthin zu überbrücken, hat er deshalb beschlossen, eine Selbsthilfegruppe ins Leben zu rufen – für Teenager, die auf einen Therapieplatz warten. „Die Kids sollen die Möglichkeit haben, sich auszutauschen und einander Trost zu spenden“, sagt Jahn. Er selbst wolle während der Treffen als Vermittler und Moderator agieren. Als jemand, der Fragen stellt, die Anmeldungen entgegennimmt und sich darum kümmert, dass jeder Teilnehmer zu Wort kommt. „Ich bin weder ein Therapeut noch ein Berater“, sagt Jahn. Auch deshalb sei die Gruppe nicht für diejenigen geeignet, die akut in der Krise stecken. „Die Gruppe kann den Therapieplatz nicht ersetzen. Aber sie soll Erleichterung schaffen“, verdeutlicht Jahn. So sollen sich die Jugendlichen zusammensetzen, darüber reden, was ihnen Angst macht, wie ihre Woche gelaufen ist und welche Hilfe sie sich wünschen würden.

Niederschwelliges Angebot schaffen

Ob, und wenn ja, wie die Gruppe angenommen wird, wird sich Ende des Monats zeigen. Dann soll das erste Treffen im Mehrgenerationenhaus der AWO stattfinden. „Wir wollen solchen Angeboten eine Chance geben“, sagt Projektkoordinatorin Tina Matousek. Auch im Mehrgenerationenhaus gingen immer wieder Meldungen ein, welche Auswirkungen die Pandemie auf Kinder und Jugendliche hat. „Es ist deshalb wichtig, niederschwellige Angebote zu schaffen“, sagt Matousek. Genau ein solches Angebot sei die Selbsthilfegruppe von Michael Jahn. Damit das Warten ein Ende hat.

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Sie verstehen am wenigsten

und leiden am meisten.

Michael Jahn

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