Rosenheim – Der Münchner Autor Peter Grandl hat in seinem Thriller „Turmschatten“ über drei Neonazis geschrieben, die von einem ehemaligen Mossad-Agenten gefangen gehalten werden. Jetzt hat der Schriftsteller die Berufliche Oberschule in Rosenheim besucht. Ein Gespräch über die Entwicklung der rechtsradikalen Szene und wie Bücher die Welt verändern können.
Ihre beiden Großväter waren Nationalsozialisten?
Meine beiden Großväter waren überzeugte Anhänger der Nationalsozialisten, wie der Großteil der Deutschen im Dritten Reich. Zumindest einer von beiden war aber auch nach dem Krieg noch ein überzeugter Anhänger der Nazi-Ideologie.
Hat Sie das geprägt?
Geprägt ist ganz sicher das falsche Wort, sonst hätte ich keinen Roman gegen „Rechtsradikalismus“ geschrieben, aber als kleiner Junge haben mir seine Kriegsgeschichten gefallen, und die politischen Aussagen dazu habe ich zum Glück nicht verstanden. Als ich alt genug war, um die Reichweite und Gefahr ihrer Ansichten zu verstehen, waren leider beide schon verstorben. Ich hätte liebend gerne den Diskurs mit beiden geführt, dann aber auf Augenhöhe.
Woher kam die Idee für Ihr Buch „Turmschatten“?
Ich wollte ein Buch über die Gefahr durch „rechte Ideologien“ und die Macht der Medien schreiben, das sich an ein breites Publikum richtet. Die Botschaften sollten zum Nachdenken auffordern, aber auch spannend verpackt werden. Als sich ein guter Freund einen Hochbunker kaufte, war das der Auslöser für die Entstehung des Romans. Um dem Thema dann aber gerecht zu werden, musste ich viel mehr Zeit in Recherche stecken, als ich zunächst erwartet hatte und so dauerte es einige Jahre, bis das Werk fertig war.
In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich unter anderem mit der Entwicklung der rechtsradikalen Szene. Seit der Pandemie hat diese Szene wieder Aufwind erhalten.
„Turmschatten“ spielt ja 2010, während die Fortsetzung „Turmgold“, die Ende des Jahres erscheint, die aktuelle Entwicklung der „Szene“ in den Fokus rückt. Gerade in Europa haben wir leider einen immer stärker werdenden Rechtspopulismus, der unsere demokratischen Werte auf den Prüfstand stellt. Und natürlich ist diese Entwicklung besorgniserregend.
Kann Literatur dabei helfen, gegen den Hass anzukämpfen?
Das geschriebene Wort ist grundsätzlich ein mächtiges Werkzeug. Bücher haben die Welt verändert –zum Guten wie zum Schlechten. Denken Sie nur an die Bibel, an „Mein Kampf“ oder das „Kommunistische Manifest“. Meine Romane sind hingegen nur ein ganz kleiner Beitrag, um die Achtsamkeit zu schärfen oder wach zu rütteln, mehr nicht.
Warum glauben Sie, war es am Anfang so schwierig, einen Verlag für das Buch zu finden?
Ich glaube gar nicht, dass das an dem Buch selbst lag. Jeder unbekannte Autor kämpft mit demselben Problem. Es gibt einfach zu viele Werke, die Verlage prüfen müssen, und es wird für die seriösen Verlage immer schwieriger, die Spreu vom Weizen zu trennen. Man darf einfach nicht aufgeben und muss hartnäckig bleiben bei der Suche nach einem Publisher. Am Ende hatte ich einfach Glück, weil ich zufällig auf der Leipziger Buchmesse Herrn Dr. Matthias Oehme begegnete, den mein Aufzugspitch tatsächlich interessierte.
Warum funktioniert die Mischung aus sozialpolitischem Thema und Kriminalroman Ihrer Meinung nach?
Ich glaube, die Mischung ist eher fiktive Rahmenhandlung, basierend auf wahren Begebenheiten. Viele Leser haben mir immer wieder berichtet, dass sie zwischendurch die Ereignisse aus dem Buch gegoogelt haben, weil sie kaum glauben konnten, dass die Hintergründe der Handlung alle stimmten. „Turmschatten“ zieht einen Großteil seiner Spannung aus der Tatsache, dass wir ganz nah an der Realität bleiben. Der sozialpolitische Aspekt ist sicher tragend, aber für die Faszination des Stoffes nur ein ergänzender Punkt oben drauf.
Die Geschichte des Buches soll jetzt verfilmt werden. Heiner Lauterbach spielt den ehemaligen Mossad-Agenten und Holocaust-Überlebenden. Eine gute Wahl?
Er war einer der frühen Leser des Drehbuchs, das schon existierte, lange bevor ich den Roman geschrieben hatte. Aus einer Verfilmung – das war 2013 – wurde aber nichts. Als ich mich sieben Jahre später bei ihm meldete, dass „Turmschatten“ nun ein Roman geworden ist, war er ein eifriger Leser und großer Fan des Buches. Und natürlich stand für mich sofort fest, dass er die Rolle bekommt. Nur seine Frisur werden wir ein wenig ändern müssen.
Wer ist die Zielgruppe Ihres Buches?
Es gibt keine Zielgruppe. Zielgruppe bedeutet immer, dass man schon beim Herstellungsprozess etwas definiert, um gefallen zu wollen. Anders als zum Beispiel bei der Filmumsetzung, da gibt es eine Zielgruppe, konnte ich schreiben, was und für wen ich wollte. Also habe ich mir darüber keinen Kopf gemacht. Ich habe es in erster Linie so geschrieben, dass es mir gefallen würde. Dass „Turmschatten“ nun trotzdem ein sehr breites Publikum anspricht, freut mich natürlich sehr.
Das vor allem weiblich zu sein scheint.
Anders als man wahrscheinlich erwarten würde, enthält „Turmschatten“ sehr viele weibliche Charaktere. Einige treten auch sehr schnell aus dem Schatten ihrer männlichen Protagonisten und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Das Schicksal der Bewährungshelferin Marie Stresemann zieht sich wie ein roter Faden durch den ganzen Roman und schafft so für weibliche Leser eine Identifikationsfigur. Oder auch die Jüdin Shalhevett, die in „Turmschatten“ nur einen kleinen Auftritt hat, in „Turmgold“ aber zu einer der Hauptrollen wird. Es ist nur schwer, das im Klappentext verständlich zu machen. Auf der anderen Seite verfügen Frauen über große soziale Netzwerke, übrigens mehr als Männer, und so ist der Erfolg von „Turmschatten“ auch durch deren Empfehlungen zu erklären.
Was hat Sie dazu bewogen, an der Beruflichen Oberschule eine Lesung zu geben?
Ich lese gerne in Schulen – auch, weil ich gerne den Austausch suche mit der nächsten Generation. Sie sind die eigentlichen Botschafter. Sowohl in ihren Familien als auch weit darüber hinaus.Interview: Anna Heise