Der lange Weg nach Süden

von Redaktion

Am Ende steht eine Begrüßungsandacht in der Kapelle der Schweizer Garde in Rom, am Anfang steht Rosenheim. Dazwischen liegen gut 900 Kilometer und sechs Jahre. Mitglieder der Rosenheimer Stadtteilkirche am Zug sind nach Rom gepilgert.

Rosenheim – Ursprünglich hatte er an eine Wallfahrt nach Santiago gedacht, erzählt Pfarrer Sebastian Heindl. Allerdings ist das Grab des Apostels Jakob mit über 2000 Kilometern von Rosenheim aus zu weit entfernt. Aber 2000 Jahre Christentum haben auch in Sachen Pilgerziele ihre Spuren hinterlassen und dann gab es den alten Bekannten aus Aschau, der mittlerweile im Vatikan arbeitet. Und die Ewige Stadt ist ein großartiges Ziel für eine Pilgerreise.

Ein bisschen
Unterstützung

2016 startete die Reise nach Rom mit der ersten Etappe: von Rosenheim nach Innsbruck. Etwa 20 Pilger waren dabei, alle eher älter als jünger, Männlein und Weiblein gut gemischt. Die ersten Etappen hat Pfarrer Heindl selbst organisiert. Er plante die Routen, suchte Hotels heraus. Später, nachdem die Gruppe über den Brenner nach Italien kam, wurde das komplizierter: „Die Hotels sind hier zu weit auseinander.“, erklärt Heindl. Deshalb wurden für die letzten Etappen ein Busunternehmen und das bayerische Pilgerbüro als Unterstützung hinzugezogen.

Der Begleitbus nahm dann auch das schwere Gepäck mit, sodass die Wanderer nur einen Rucksack dabei hatten. Der war allerdings dennoch zumindest am Vormittag gut gefüllt: Jeden Tag organisierte die Gruppe das Mittagessen selbst: „Das Picknick im Grünen war der Höhepunkt jeden Tages“, erzählt Heindl. Nach der langen Wanderung am Vormittag hätten die Pilger die Mahlzeit viel dankbarer angenommen, als sie es zu Hause oder im Hotel tun würden.

Auch der morgendliche religiöse Impuls von Pfarrer Heindl, etwa ein Psalm oder ein Gebet, stieß bei den Wanderern auf positive Resonanz. „So hat man beim Wandern immer einen Gedanken, mit dem man sich beschäftigen kann“, erzählt der Pilger Gerhard Schwägerl. Aber langweilig sei es aufgrund der gemeinsamen Zeit in der Gruppe sowieso nicht geworden. „Man lernt seine Mitmenschen viel intensiver kennen“, berichtet Manfred Hellstern. Auch er pilgerte mit der Gruppe nach Rom. „Außerdem redet es sich unter dem Gehen oft viel leichter“, sagt Hellstern. Die Gedanken seien dadurch freier.

„Die Gruppe durfte sich nicht verlieren“, erzählt Sebastian Heindl. Das aufeinander Achten sei deshalb entscheidend gewesen. Dies habe das Gemeinschaftsgefühl gestärkt und einen starken Zusammenhalt geschaffen. „Die Gruppe hat ein ganz eigenes Tempo gefunden“, sagt Heindl. Die Schnelleren seien etwas langsamer und die Langsamen etwas schneller gegangen. Hat sich jemand bei der Wanderung verletzt, war die Hilfsbereitschaft der gesamten Gruppe gefragt. Aber nicht nur die der Gruppe: Auch auf die Hilfsbereitschaft der Einheimischen seien sie manchmal angewiesen gewesen. „Als Wanderer ist man viel anspruchsloser, gleichzeitig aber auch viel hilfsbedürftiger“, sagt Sebastian Heindl. Sei es durch Verpflegung oder Erste-Hilfe-Leistungen – die Ortsansässigen seien stets hilfsbereit gewesen.

Auch die Natur sei den Pilgern im Gedächtnis geblieben. Ihre Vielfältigkeit haben sie erst durch das Erwandern erkannt. Während bei einer Autofahrt die Landschaft regelrecht an einem vorbeirauscht, habe man so die Möglichkeit, diese in Ruhe kennenzulernen. „Man schaut sich die Natur ganz anders an, und kann sie dadurch auch ganz anders genießen“, erzählt Pilger Franz Kleisinger. Vor allem die Po-Ebene habe die Wanderer fasziniert. „Man sieht das Ende, aber es kommt einfach nicht näher“, sagt Gerhard Schwägerl und lacht.

Trotz dieser Anstrengung sei die Motivation stets groß gewesen. Jeder habe einen eigenen Anreiz gehabt, die Reise anzutreten. Neben diesem habe auch die Gruppendynamik die Pilger dazu motiviert, nicht aufzugeben. „Das Miteinander wiegt irgendwann die vielen Blasen auf“, sagt Manfred Hellstern. Pilgere man alleine, läge es an der Selbstdisziplin, den inneren Schweinehund zu überwinden.

„Man pilgert vor allem zu sich selber“, sagt Hellstern. Auf der Wanderung habe man trotz der ständigen Gesellschaft genug Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen und sich der Frage „Wer bin ich?“ zu stellen. Das Ziel der Wanderung sei es in erster Linie nicht den Ort Rom zu erreichen, sondern persönliche Erkenntnisse zu schöpfen. ,,Rom kann immer woanders sein“, sagt Sebastian Heindl.

Eine eindrucksvolle
Ankunft

Und dennoch führen alle Wege schlussendlich nach Rom. Am Sonntag, 24. April, erreichten die Pilger ihr Ziel. Sie wurden von ihrem Bus bis zum Stadtrand Roms gebracht. Von dort aus wanderten sie die letzten 15 Kilometer zu Fuß bis zum Petersdom. Die Ankunft sei eindrucksvoll gewesen, erzählt Manfred Hellstern. Der Platz habe sie schon durch die Menge an Menschen beeindruckt. Am Petersdom angekommen, wurde die Gruppe von Johannes Palus, dem ehemaligen Pfarrer aus Aschau und heutigem Mitarbeiter des Vatikans, empfangen. Anschließend erhielten sie eine Begrüßungsandacht in der Kapelle der päpstlichen Schweizer Garde.

Für Heindl und seine Mitstreiter ist trotz Petersdom der Weg das Ziel. „Es ist wichtig, einfach einmal fünf Tage lang zu gehen“, das konkrete Ziel könne motivieren, sei aber nicht entscheidend. In der Gruppe zu wandern erweitere die Reise zu sich selbst noch – es wird dann auch eine Reise zu den anderen.

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