Rosenheim – Ein Mädchen sitzt auf dem Sofa. Sie spielt am Handy, hinter ihr klebt ein Pferdeposter – ein klassisches Kinderzimmer. Auf einmal eine Nachricht: „Hi, deine Tanzskills sind echt cool! Hast du mehr davon?“ Ein Gespräch entwickelt sich, über Pferde und nervige Eltern. Dann fragt die andere Person nach einem Treffen. Doch hinter den Chatnachrichten verbirgt sich keine Gleichaltrige, sondern ein erwachsener Mann. Ein potenzieller Missbrauchstäter.
Cybergrooming
heißt die Masche
Das Szenario, das Kinder des Jugendtreffs „Logo“ in Rosenheim gemeinsam mit dem Frauen- und Mädchennotruf Rosenheim gefilmt haben, ist keineswegs unrealistisch. Cybergrooming heißt diese Masche und ist ein bekanntes Problem im Internet. Kinder werden erst in harmlose Gespräche vermittelt, bis das Gegenüber irgendwann Nacktfotos oder sogar ein Treffen will. In einem gemeinsamen Workshop haben die Kinder des Jugendtreffs und der Frauen- und Mädchennotruf Rosenheim jetzt Kurzfilme entwickelt, die Minderjährige davor warnen sollen. Am vergangenen Dienstag wurden die Filme präsentiert.
„Viele der Kinder sind schon in jungem Alter im Internet unterwegs. Da müssen wir auf Cybergrooming eingehen“, sagt Nina Berger. Die Sozialpädagogin arbeitet bei der Fachstelle Prävention gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen des Frauen- und Mädchennotrufs und hat den Workshop geleitet. Die Idee, einen Film zu erstellen, war ein Stück weit aus der Not geboren: Für die regelmäßigen Präventionsschulungen in den vierten Klassen habe es keine passenden Materialien gegeben, sagt Berger.
Und da sie selbst früher im Jugendtreff „Logo“ gearbeitet hatte und wusste, dass dessen Leiter Gregor Schumm selbst Medienpädagoge ist, kam die Idee, einfach selbst gemeinsam mit den Kindern einen Film zu drehen. „Dieser Ansatz war wichtig, dass die Kinder auch selbst bei der Produktion mit dabei waren“, sagt Berger.
Der Workshop begann erst mit einer Präventionsschulung. Die Kinder im Grundschulalter erforschten gemeinsam mit Berger, welche Gefühle sie haben und dass es in Ordnung ist, auch Nein zu sagen, wenn sich etwas nicht gut anfühlt. Am Nachmittag stand dann der Filmdreh an: Das Drehbuch war grob von Berger vorgegeben, die Dialoge durften die Kinder aber umschreiben. Jedes Mal ist das Szenario fast das gleiche, jemand im Internet schreibt das Kind an und fragt schnell nach einem Treffen. Insgesamt drei Filme entstanden, zwei Mädchen- und eine Jungenversion.
In Letzterer ist der achtjährige Roman Vorrat der Hauptdarsteller. Im Film spielt er Computerspiele, als ihn ein anonymer Kontakt zu sich zum „Zocken“ einlädt. „Ich habe selbst auch ein bisschen was gelernt“, sagt er. Zum Beispiel, dass man im Internet nicht so schnell vertrauen dürfe. Ihm hat der Workshop gefallen und er findet es „cool“ jetzt auch auf Youtube zu sein. Aber die teilnehmenden Kinder standen nicht nur vor der Kamera, sondern kümmerten sich auch um die Belichtung und den Ton.
Das ist dem Sozialpädagogen Gregor Schumm besonders wichtig. „Alle Kinder können sich einbringen, alle können ihre Stärken ausspielen. Auch, wenn sie eher ruhig sind und nicht schauspielern wollen“, sagt er. Schumm hat selbst eine Zusatzausbildung zum Videoreferenten gemacht und für den Jugendtreff grundlegendes Equipment für Videodrehs angeschafft.
Der Workshop war für ihn die erste größere Aktion nach dem Lockdown im Winter. „Es hat super Spaß gemacht, eine sehr positive Energie.“ Ihm ist auch wichtig, präventiv beim Thema „sexueller Missbrauch im Internet“ einzugreifen: „Viele Kinder haben schon im Grundschulalter ein Smartphone, und ab da kann man eigentlich nichts mehr kontrollieren. Also bleibt uns nichts anderes, als präventiv einzuschreiten.“
Das bestätigt auch Marina Weigang, Leiterin der Fachstelle Prävention gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen des Frauen- und Mädchennotrufs. „Die Filme treffen einen Nerv“, sagt sie. Bei ihren Präventionsschulungen in den Klassen würden viele Kinder erzählen, dass sie selbst schon von Leuten im Internet angeschrieben wurden, die ihnen komisch vorkamen.
„Das Dunkelfeld
ist riesig“
Auch die polizeiliche Kriminalstatistik bestätigt den Trend: Demnach gab es im vergangenen Jahr fast sieben Prozent mehr Fälle an sexuellem Kindesmissbrauch in Deutschland. „Aber das Dunkelfeld ist riesig“, sagt Weigand. Viele Kinder trauten sich nicht, sich an die Eltern zu wenden, aus Angst, dass ihnen dann das Handy weggenommen wird. „Hier müssen wir auch mit den Eltern sprechen, damit diese ihren Kindern klarmachen: ,Ich helfe dir in so einer Situation“, sagt Weigang.
Die Filme zeigen Weigang und Berger nun in den vierten Klassen, außerdem sind sie auf Youtube auf dem Kanal „Rosenheimer Online Jugendarbeit“ zu sehen. Beide sind mit dem Ergebnis zufrieden, auch die Rückmeldung von den Schülern sei gut. Den Beteiligten ist die Botschaft wichtig, dass betroffene Kinder sich an Vertrauenspersonen wenden können und ihnen geholfen wird. Und der wichtigste Satz steht auch am Ende der Kurzfilme: „Du bist nicht schuld.“