Vom Rest der Stadt abgehängt

von Redaktion

Für Familie Rutz aus Stocka birgt jeder Ausflug eine große Gefahr

Rosenheim – Hans Rutz ist niemand, der sich gerne mit anderen anlegt. Wenn es aber um die Sicherheit seiner Familie geht, kennt er keine Kompromisse. Zusammen mit seiner Frau, seinen drei Kindern und seinen Eltern ist er in Stocka zu Hause, nur wenige hundert Meter außerhalb des Stadtteils Westerndorf am Wasen. Saftige, grüne Weiden, ein freier Blick in die Alpen, ein moderner Laufstall – das alles prägt den historischen „Egerndorfer-Hof“ im äußersten Südwesten des Stadtgebiets, den Rutz mittlerweile ökologisch und mit viel Engagement bewirtschaftet. Eine Idylle, von der andere Kinder in Rosenheim nur träumen können.

Probleme seit dem
Bau der Westtangente

Und doch gibt es einen Punkt, der den 37-Jährigen umtreibt, vor allem seit dem Bau der Rosenheimer Westtangente. Denn einen Spaziergang in das Dorf zu unternehmen oder eine kleine Fahrradtour sind seitdem nicht mehr möglich. Die Zufahrt zu seinem Hof und der Verlauf der Staatsstraße 2010 haben sich mit dem Bau der Umgehungsstraße wesentlich verändert und sind seitdem geprägt von einer Brücke samt Steigung und einer Kurve.

Kein Fahrradweg oder
Fußgängerverbindung

Der Bereich ist laut Rutz so unübersichtlich geworden, dass es quasi nicht mehr möglich ist, ohne Pkw den Hof zu verlassen. Weder eine Fußgängerverbindung, noch einen Fahrradweg gibt es. Das war im Zuge der mehrerer Jahrzehnte alten Planungen für die Westtangente wohl vergessen worden. An die Geschwindigkeitsbegrenzung halten sich zudem die wenigsten. „Ganz ehrlich: Wir fühlen uns abgeschnitten und im Stich gelassen“, fasst der Landwirt zusammen.

Diese Tatsache zieht weite Kreise. Miriam, die älteste Tochter des Hauses, kommt im Herbst in die Grundschule. Eigentlich würde sie gerne mit dem Bus dorthin fahren, wie ihre Freundinnen. Weil es ihr aber nicht möglich ist, sicher die Haltestelle zu erreichen, setzt die Stadt jetzt auf eine Taxi-Lösung. Die heute Sechsjährige wird jeden Tag in der Früh von einem Chauffeur abgeholt und mittags wieder heimgefahren.

Was sich auf den ersten Blick erstklassig anhört, ist angesichts der fehlenden Fußgänger- und Fahrrad-Verbindung für Rutz nur eine Notlösung. Schließlich geht es ja nicht nur um den Schulweg, sondern später auch darum, Freundinnen zu treffen, zum Sport, zum Vereinsnachmittag, in die Stadt zu gelangen oder jemanden im Dorf zu besuchen – mittelfristig sind ja auch noch Miriams jüngere Schwestern betroffen.

Die Staatsstraße 2010 ist ohnehin als offizielle Autobahn-Umleitungsstrecke hoch belastet. Verschlimmert wird die Lage zusätzlich durch die Lkw-Blockabfertigung. An verkehrsreichen Tagen reicht der Stau dann nicht nur bis Westerndorf am Wasen, sondern bis zur Hofzufahrt in Stocka. Sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu bewegen: lebensgefährlich.

Dass die Lücke im Radwegnetz kein Dauerzustand sein kann dringend beseitigt werden muss, das haben auch die Freien Wähler (FW) erkannt. Sie hatten bereits vor rund eineinhalb Jahren beantragt, einen Fahrradweg entlang der Staatsstraße 2010 zu errichten – zwischen Westerndorf am Wasen und dem Kreisverkehr an der „Kreuzstraße“ im Gemeindegebiet von Bad Feilnbach.

Damit wäre nicht nur der Familie von Hans Rutz geholfen, sondern auch vielen anderen Fahrradfahrern, die zwischen Au bei Bad Aibling und Rosenheim unterwegs sind. Der Antrag der FW war im Mai 2021 sogar einstimmig vom Ausschuss für Verkehrsfragen und öffentlichen Personennahverkehr beschlossen worden. Passiert ist seitdem aber nichts. „Die Planungen für den Lückenschluss konnten noch nicht aufgenommen werden“, heißt es auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen aus dem Rathaus. Wann eine detailliertere Prüfung und gegebenenfalls eine Abstimmung mit der Nachbargemeinde Raubling erfolgt, sei zudem noch gar nicht terminiert.

Blick nach
Bad Feilnbach

Dass es auch ganz anders geht, zeigt die Gemeinde Bad Feilnbach. Sie ist in Vorleistung gegangen und hat in ihrem Bereich neben der Staatsstraße 2010 einen neuen Geh- und Radweg erstellt, der sich großer Beliebtheit erfreut.

Überörtlicher
Straßenverkehr

Rutz kann deshalb nicht verstehen, dass sich in Rosenheim nichts bewegt. Und er will es nicht länger hinnehmen. Viel werde derzeit gesprochen von der Verkehrswende, zu sehen sei davon aber nur wenig, im Gegenteil. Für den überörtlichen Straßenverkehr werden mehr als 250 Millionen in die Westtangente investiert.

„Kann es dann wirklich sein, dass für die einheimische Bevölkerung kein Geld da ist, um 500 Meter Gehsteig und Radweg zugunsten von mehr Sicherheit zu bauen?“, fragt er. Am Grundstückseigentümer liegt es zudem – wie bei anderen Projekten – hier nicht. Denn der habe bereits Kooperationsbereitschaft signalisiert. aez

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