Rosenheim – „Wir hatten einfach keine Zeit für Frust“, erzählt Tobias Jonas. Damals, im Winter 20/21. Hinter ihm und seinen Kollegen lag ein anstrengender Jahreswechsel. „Wir haben zwischen Weihnachten und Neujahr quasi durchgearbeitet“, erinnert er sich. Vier Stunden Schlaf, dann wird weiter programmiert. Mitte Dezember kam das Landratsamt Rosenheim auf das Start-up zu, so wie es bereits im August auf sie zukam. Im Sommer war es noch ums Testen gegangen.
Ein Start-up
ist flexibler
Wie kann man das alles erfassen, wie ist es möglichst einfach für Bürger, Ärzte, Gesundheitsämter? Eine Woche Zeit hatte die Innfactory. Ein absurd kurzer Zeitraum, um eine Software zu entwickeln. Aber das sei eben der Vorteil eines Start-ups, sagt Jonas, man sei sehr flexibel. Und es hatte funktioniert, wieso sollte es nicht auch jetzt wieder funktionieren. Beim Impfen.
Weihnachten wollten und sollten sie fertig sein. Dabei ist die Software hochkomplex: „Der Nutzer sieht eigentlich gar nichts von unserer Software außer dem Terminkalender“, sagt Tobias Jonas. Auf der anderen Benutzerseite sieht das schon anders aus: Terminkalender, Chargennummern der Impfdosen, Zertifikate sowohl für die Tests als auch fürs Impfen. All das muss möglichst automatisch laufen, „man muss das in möglichst wenigen Klicks organisieren können“.
Dazu gehört freilich mehr als zu programmieren: „Das ist oft ein Kapitalfehler bei Softwareentwicklung, dass man sich etwas ausdenkt und nicht mit den Nutzern spricht“, erklärt Jonas. Sie seien rausgegangen, haben Interviews geführt – in Testzentren, Apotheken, mit Betriebsärzten.
Der Marathonlauf zahlt sich aus. Vor Weihnachten geht die Software online und 15 Minuten später, die erste Pressemeldung auf ovb-online.de. Und dann kommen die Terminbuchungen zum Impfen. „Es war vor Weihnachten, wir dachten, das dauert länger.“ Aber nach einem dreiviertel Jahr Pandemie ist die Nachfrage hoch – zu hoch. Es gibt nicht genügend Impfstoff. Das Landratsamt Traunstein, inzwischen auch an Bord, hatte alle über 80-Jährigen angeschrieben und bewusst kein Pflichtfeld mit der E-Mail-Adresse angegeben. Schließlich hat nicht jeder in der Altersgruppe eine E-Mail-Adresse. „Es mussten ganz viele Termine wieder abgesagt werden“, erzählt Jonas. Jetzt ein wenig schmunzelnd. Damals war das ein gewaltiges Problem, weil man alle Betroffenen telefonisch erreichen musste. Aber das habe glücklicherweise das Landratsamt erledigt, erzählt Jonas.
Doch trotz des Erfolgs beginnt nun der Frust. „Unsere Softwarelösung beim Freistaat zu platzieren, ist gescheitert“, erzählt Jonas. Obwohl es Unterstützung von Wirtschaftsdezernent Thomas Bugl und von Rosenheims Zweitem Bürgermeister Daniel Artmann gibt.
Jonas und seine Kollegen arbeiten weiter an der Software. Denn die funktioniert ja und man ist der Konkurrenz eigentlich voraus. Also arbeitet man weiter, man bindet mehr Testzentren ein, schließlich funktioniert jedes ein wenig anders, man holt Betriebsärzte ins Boot, man implementiert die Standards des Robert-Koch-Instituts und bindet auch die Unternehmenstestungen mit ein. Dennoch hat der Freistaat kein Interesse.
Gesellschaftlicher
Mehrwert vor Rendite
„Das war natürlich frustrierend, aber dann Lösungen zu finden, zeichnet ein Start-up aus“, sagt Jonas rückblickend. Intern sei das natürlich ein Konfliktpunkt gewesen. Man hat sogar versucht, die Software zu verschenken. „Der gesellschaftliche Mehrwert war für uns natürlich eine Riesen-Motivation“, sagt Jonas. Stark genug für viele Überstunden trotz zweifelhafter Rendite.
Aber umsonst sollte die Arbeit am Ende nicht gewesen sein.
Auch wenn Jonas erklärt, dass man davon nicht leben könne. Die Münchner Rück wurde auf sie aufmerksam – und kaufte die Software. Rossmann, Linde, Generali kamen hinzu. 1500 Firmen nutzten die Software, um 3G am Arbeitsplatz gewährleisten zu können.
Aber die Corona-Software sei für die Unternehmen dennoch „ein Außenborder und kein Segel“, sagt Jonas.
Jonas ist auf die Software stolz. „Es war auch eine Genugtuung, dass wir technologisch nicht so weit weg von der IBM-Lösung sind.“ IBM bekam damals den Zuschlag.
Und es hat Spaß gemacht, erzählt er. Trotz der kurzen Nächte: „Einfach weil die Vision vom Mehrwert so klar war.“