Rosenheim – Stehende Ovationen und lang anhaltender Applaus waren die Reaktion auf das Theaterprojekt „Niemand’sLand – Warten“, das Schüler der Freien Waldorfschule Rosenheim jetzt im ausverkauften Ballhaus zur Aufführung brachten.
Wie bereits berichtet, besuchten die Rosenheimer Schüler unter Leitung der Musikpädagogin Sibylle Stier im März Tunesien, um dort eine Woche lang mit geflohenen Menschen aus den unterschiedlichsten afrikanischen Ländern durch künstlerische Begegnungen und lange Gespräche die Grundlage für das Theaterprojekt zu legen.
Menschenrechte
werden verlesen
Zu sehen und mitzuerleben war nun eine Theater/Video-Performance auf höchstem Niveau. Gleich zu Beginn agierten die jungen Schauspieler aus dem Publikum heraus, indem sie durch die Verlesung der Menschenrechte mit den Besuchern in direkten Kontakt traten und deutlich machten, wie wenig diese Rechte eingehalten werden, wenn es um Menschen aus dem afrikanischen Kontinent geht.
Dieser Einstieg bildete den großen Bogen über den gesamten Abend, und die Jugendlichen zogen das Publikum durch herausragende schauspielerische Leistungen in ihren Bann.
In Anlehnung an Kafkas „Bau“ schlüpfte Johanna Linke in die Rolle eines Menschen, dessen ausschließliches Ziel es ist, sich vor dem Eindringen der Fremden zu schützen. In zynisch skurriler Inszenierung wurde die sogenannte Kongokonferenz von 1884 thematisiert, in der die europäischen Staaten auf Einladung von Otto von Bismark, fantastisch komisch interpretiert von Finn Rathgeb, den afrikanischen Kontinent unter Missachtung und Ausgrenzung der dort lebenden Bevölkerung unter sich aufteilten.
In der anschließenden Szene überzeugten Michael Knaus und Florian Zink als Investmentbanker, die das Publikum davon zu überzeugen versuchten, wie lukrativ es ist, wie viele „fette Gewinne“ man machen kann, wenn man in Supermarktketten oder große Kaffeefirmen investiert, die heute in Afrika tätig sind.
Dabei wurde deutlich, wie wenig sich der Umgang mit diesem Kontinent in den letzten hundert Jahren verändert hat. Die Problematik hat sich lediglich verlagert. Auch zwei Monologe von William Shakespeare mit dem Titel „Die Fremden“, beeindruckend dargeboten von Siri Luber, wirkten durch ihre Aktualität fast erschreckend und regen durch die Frage „Gesetzt den Fall, ihr wärt‘ die Fremden…“ zum Nachdenken an, ebenso wie ein Aufruf von Jean-Jaques Rousseau, der anmahnt, nicht zu vergessen, dass „die Früchte zwar allen, die Erde aber niemandem“ gehört.
Auf berührende Weise wurden durch die Einblendung, der in Tunesien entstandenen Tanz-Choreografien immer wieder die afrikanischen Schauspieler in den Abend integriert. Zu den bewegendsten Szenen gehörte zweifellos die Begegnung auf der Leinwand mit den afrikanischen Freunden, die durch den Filmemacher Manuael Linke bereits im März in Tunesien aufgezeichnet wurde.
Angedeutete
Berührungen
Anhand eines Schattentheaters fanden gemeinsame Bewegungen und angedeutete Berührungen statt, die so manchem Besucher die Tränen in die Augen trieben. August Zirner verlieh einem alten Boot seine Stimme, das darüber klagt, wie viele Menschen es enttäuscht hat, da es sie nicht nach Europa bringen konnte.
Die Schüler entließen ein zutiefst bewegtes, teilweise auch betroffenes Publikum in den Sommerabend. Der Reinerlös wird den afrikanischen Schauspielern zugutekommen.