Rosenheim – Der Gruppenraum ist am späten Nachmittag relativ leer. Die Tagesstätte schließt bald, und gerade gibt es kein Programm. Aber die Listen, in die man sich eintragen kann, wenn man an bestimmten Programmen teilnehmen will, sind voll. Für das Sommerfest stehen bereits 40 Namen drauf, und dabei ist es erst nächste Woche. Und kommen kann man auch ohne Anmeldung. Das gehört zum Prinzip der Tagesstätte dazu.
Begleitung
statt Therapie
Seit 2016 ist die Tagesstätte für langfristig psychisch Erkrankte nun direkt am Bahnhof. „Wir therapieren nicht,wir begleiten“, sagt Maria Verde. Zusammen mit sechs Mitarbeitern kümmert sie sich um Klienten und Programm.
„Wir haben Klienten, die kommen nur zur Entspannungsübung, und manche kommen jeden Tag und bleiben auch den ganzen Tag“, erzählt Bauer. Dabei sind die Aktivitäten so unterschiedlich wie die Klienten. Es wird viel gespielt, gemalt, gebastelt und getöpfert. Aber wer mag, kann auch einfach Zeitung lesen und Kaffee trinken. Wer länger nicht kommt, den rufen Bauer und Verde an. Fragen, ob es gut gehe, ob jemand Hilfe brauche.
„Fast jeder unserer Klienten wird medikamentös behandelt“, erzählt Verde, aber das weiß sie gar nicht so genau. Denn wer den Weg in die Tagesstätte findet, führt zwar ein kleines Vorgespräch, aber nicht unbedingt mehr. Das Angebot ist bewusst niedrigschwellig. Im Gegensatz zu einer Psychotherapie oder einem Klinikaufenthalt braucht es keine Überweisung vom Arzt, keine medizinische Untersuchung. „Natürlich beraten wir auch und reden mit unseren Klienten“, ergänzt Leiter Benjamin Bauer. Aber keiner müsse mehr erzählen, als ihm lieb ist, keiner würde zu irgendetwas überredet. „Wir wissen von manchen sehr viel und von manchen fast gar nichts“, erzählt Bauer.
Gemein haben alle Klienten eine langfristige psychische Erkrankung – chronifiziert ist der Fachterminus – und das bedeutet Depressionen, Angststörungen, Borderline oder Schizophrenie. Mit den verschiedenen Erkrankungen, die sich nicht mal eben schnell therapieren lassen, geht vor allem eines einher: „Die allermeisten leiden unter chronischem Rückzug“, sagt Verde. „Psychisch Kranke leiden immer noch unter vielen Stigmata“, ergänzt Bauer. Besonders eben wenn es um zum Beispiel Schizophrenie geht. Da kursierten viele Vorurteile über Gewalttätigkeit, sagt Bauer: „In den Gesprächsgruppen muss man zwar schon mal eingreifen und sagen: So nicht“, sagt Bauer, aber damit höre es auch schon auf. „Gewalt kennen wir gar nicht von unseren Klienten.“ Und wenn, dann sei es eher Selbst- als Fremdgefährdung.
„Die Menschen schämen sich für ihre Erkrankung“, erzählt Verde, und dafür, was oft mit psychischen Krankheiten einhergehe: der soziale Rückzug, die Arbeitslosigkeit und auch für ein paar Kilo mehr. „Viele Medikamente lösen als Nebenwirkung Heißhunger aus und auch die fehlende Alltagsstruktur sorgt oft für eine ungesunde Ernährung“, berichtet Verde.
Deshalb gibt es auch eine Essensgruppe in der Tagesstätte. Dort wird auch mal gekocht, vor allem aber geht es um Genuss und Akzeptanz.
Essen habe viel mit Struktur und Selbstliebe zu tun, sagt Verde: „Wer sich etwas zubereitet, tut das auch, weil er sich die Zeit wert ist“, erklärt die Sozialpädagogin. Und regelmäßiges, konzentriertes Essen, also nicht mal eben schnell Pommes herunterschlingen, habe auch etwas mit Struktur zu tun. Etwas, das psychisch Erkrankten oft fehle. „Wir haben zum Beispiel durch Arbeit Struktur“, sagt Bauer. Seine Klienten haben meistens keine Arbeit. Sich ohne äußere Zwänge den Tag zu strukturieren sei schwer – auch ohne psychische Erkrankung.
In der Gruppe
ist es leichter
Und dafür ist die Tagesstätte auch da. Sie gibt Menschen einen Platz, die sonst oft keinen haben. Hier urteilt niemand, hier wertet keiner. Und es gibt etwas zu tun. Der Bedarf an einem strukturierten Alltag geht so weit, dass Bauer erzählt, dass „viele Klienten Angst vorm Wochenende haben.“ „Ich führe häufiger Gespräche, wie man das strukturieren kann.“ Da ist die Tagesstätte nur halb offen, am Samstag kann man kommen, aber es gibt kein Programm. Aber, und das freut Verde und Bauer, die Klienten helfen sich oft selbst. „Sie unternehmen etwas zusammen“, in der Gruppe gehe das leichter, so Bauer.