Flammen als Zeichen höchster Not

von Redaktion

OVB-Serie „Kunst im öffentlichen Raum“ – Folge 149 „Der Dachstuhl“

Erika Maria LankesFoto Bernhard Müller

Rosenheim – Flammen schlagen hoch, züngeln an den Balken des Dachstuhls und der Ziegeleindeckung. Hier herrscht höchste Not, hoffentlich kommt die Feuerwehr schnell und löscht. Geschaffen hat das Betonband, dessen zehn gleich gestaltete Elemente eine Länge von insgesamt zwölf Metern ergeben, die Bildhauerin Erika Maria Lankes. Das Band ziert die Fassade der Fahrzeughalle der Hauptwache der Freiwilligen Feuerwehr Rosenheim, die nach zwei Jahren Bauzeit im September 1981 an der Küpferlingstraße offiziell in Betrieb ging.

Der Bau eines neuen Feuerwehrgebäudes war in den 1970er-Jahren immer dringender geworden. Seit 1951 hatte die 1860 gegründete Feuerwehr ihren Sitz in einem lang gestreckten Bau, der zwischen den beiden Höfen des Ignaz-Günther-Gymnasiums lag, angelehnt an die Turnhalle und Aula, mit Ausfahrt auf die Heilig-Geist-Straße. Bei Alarm schrillte eine Glocke und alle Schülerinnen und Schüler mussten den Platz räumen, denn es konnte nun gefährlich werden. Mit den Jahren war die Situation immer unbefriedigender geworden, die Feuerwehr benötigte mehr Räumlichkeiten und auch das Gymnasium wollte erweitern.

Die Planungen für den Neubau der Hauptfeuerwache lagen in den bewährten Händen von Anton Bernhard, Architekt beim Stadtbauamt Rosenheim. Die Forderung nach „Kunst am Bau“ erfüllte Erika Maria Lankes mit ihrem Betonband. Der Künstlerin gelingt eine überzeugende Lösung. Das Thema, ein Dachstuhlbrand, passt genau zum Aufgabengebiet der Feuerwehr. Der Schnitt der Elemente geht durch das Motiv, so greift die Flamme von einem Betonteil auf das nächste über. Das bringt Dynamik und Geschwindigkeit in die Darstellung. Schnelles Handeln ist gefordert. Die unterschiedlichen Strukturen von Flammen, Dachstuhl und Ziegeln, die diagonal, waagrecht und senkrecht übereinandergelegt sind, verdichten das Geschehen.

Das Thema und seine Lösung wirken untypisch für das Schaffen von Erika Maria Lankes. Der Mensch, gezeichnet vom Schicksal, steht eigentlich im Zentrum ihres Werkes und findet seinen Ausdruck in expressiven Figuren aus Polyester, Bronze und Aluminium. Dementsprechend listet die Monografie „Zwischenbericht“, die 2005 über die Stephanskirchner Künstlerin erschienen ist, die Arbeit „Der Dachstuhl“ zwar im Werkverzeichnis auf, bietet aber keine Abbildung.

Die Zeit um 1980 markiert einen Einschnitt im Leben von Erika Maria Lankes. Als 1978 ihr Mann Franz Lankes in Pension ging, beendete auch sie ihre Tätigkeit als Kunsterzieherin; das Paar konnte sich nun ganz seinem künstlerischen Schaffen widmen.

Mit dem „Dachstuhl“ und seinem kräftigen Hochrelief knüpft Erika Maria Lankes an ihre frühen Arbeiten an, als sie in Keramik und Gips Tableaus mit verkürzten Bildmotiven schuf. Zugleich markiert das Betonband an der Hauptfeuerwache mit das früheste Auftreten eines Werkes der Bildhauerin im öffentlichen Raum; bald werden die „Passanten“ im Salingarten folgen.

1989 sollte nochmals eine ungewöhnliche Arbeit den Reigen der Lankes’schen Figuren durchbrechen, das flache Bodenrelief in Stahlguss, das in München in der Kardinal-Faulhaber-Straße an die Ermordung des ersten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner erinnert, dessen Todestag sich damals zum 70. Mal jährte.

Das Werk

Erika Maria Lankes, 1940 in Waldenburg/Schlesien geboren, wuchs ab 1949 in Pilsting in Niederbayern auf. Von 1959 bis 1964 studierte sie an der Akademie der Bildenden Künste München Malerei bei Charles Crodel und Bildhauerei bei Heinrich Kirchner. 1963 und 1966 legte sie die Staatsexamen für Kunsterziehung ab und arbeitete bis 1978 in diesem Beruf. 1966 heiratete sie Franz Lankes (1915, Viechtach, bis 2003 ,Stephanskirchen), der viele Jahre als Kunsterzieher am Ignaz-Günther-Gymnasium in Rosenheim wirkte. Das Künstlerpaar fand in seinem Haus in Landl in der Gemeinde Stephanskirchen den idealen Kreativort für sein vielfältiges Schaffen.

Als Vertreterin des Expressiven Realismus beschäftigt sich Erika Maria Lankes in ihren Bildern und Plastiken mit dem Menschen in seiner Verletzlichkeit. Für ihr mahnendes Werk erhielt die Bildhauerin, die seit 1968 ausstellt, zahlreiche Preise (1971 Goldmedaille für Kunstkeramik Faenza/Italien, 1981 Förderpreis der Stadt Rosenheim, 2000 Kunstpreis der Stadt Traunreut, 2002 Sudetendeutscher Kulturpreis, 2003 Kulturpreis der Stadt Rosenheim, 2004 Oberbayerischer Kulturpreis). fie

Die Künstlerin

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