Nicht verwandt und nicht verschwägert

von Redaktion

Gitti Flötzinger arbeitet seit 38 Jahren im Flötzinger-Zelt auf der Wiesn

Rosenheim – Sie trägt die Brauerei nicht nur im Herzen, sondern auch im Namen: Gitti Flötzinger arbeitet seit 38 Jahren im Flötzinger-Festzelt auf dem Rosenheimer Herbstfest. Eine Geschichte über Bier und wahre Liebe.

Sieben Bier
und drei Radler

Vorsichtig trägt Gitti Flötzinger die sieben Bier und drei Radler durch das Festzelt. Sechs Masskrüge hält sie in der linken Hand, vier in der rechten. „Die Technik habe ich mir über die Jahre antrainiert“, sagt sie. Mit einem Lächeln auf den Lippen schiebt sie vorbei an vorbeilaufenden Kindern und Erwachsenen, die auf der Suche nach einem freien Platzsind. An ihrem Tisch angekommen, setzt Gitti Flötzinger die zehn Krüge vorsichtig ab – ohne auch nur einen einzigen Tropfen zu verschütten. Sie schaut in die Runde, verteilt Bier und Radler und macht sich auf den Weg zum nächsten Tisch.

Seit 38 Jahren arbeitet die 67-Jährige als Bedienung im Flötzinger-Festzelt. „Das ist mein Leben“, sagt sie. Sie liebe den Umgang mit Menschen, habe Freude daran, Jahr um Jahr neue Menschen kennenzulernen und alte Bekannte wiederzusehen. „Für mich sind die Menschen auf dem Herbstfest wie eine zweite Familie“, sagt sie.

Und dabei hatte die Frau aus Prutting eigentlich gar nicht vor, als Bedienung auf dem Herbstfest zu arbeiten. „Ich bin da Knall auf Fall reingekommen“, sagt sie. Ihre Schwester Irmi hätte vor 38 Jahren bereits als Bedienung im Festzelt gearbeitet. Weil damals mehrere Bedienungen ausgefallen seien, habe sie gefragt, ob Gitti nicht Lust hätte einzuspringen. Weil die heute 67-Jährige schon Erfahrung als Bedienung hatte, sagte sie zu – und ist 38 Jahre später immer noch da.

Doch während sie in den vergangenen Jahren noch täglich für ganze Schichten auf dem Herbstfest eingeteilt war, ist sie mittlerweile nur noch einige Stunden da. „Natürlich spiele ich mit dem Gedanken aufzuhören“, sagt sie. Aber noch sei der Zeitpunkt nicht gekommen. Viel lieber will sie sich Stück für Stück aus dem Festzelt zurückziehen. Heuer sei sie vor allem am Abend im Einsatz gewesen – in der Box 1.

„Das ist jedes Mal aufs Neue wie ein Familientreffen“, sagt sie. Sie kenne die Besucher beim Namen, wisse, wer was bestellt, noch bevor sie es ausgesprochen haben. Aber die Pandemie, der Ukraine-Krieg und die Energiekrise sind auch am Herbstfest nicht spurlos vorbeigegangen. „Man merkt schon, dass einige Leute, die in den vergangenen Jahren da waren, fehlen“, sagt Gitti Flötzinger.

Davon die Laune verderben, lässt sich die 67-Jährige nicht. Im Gegenteil. Sie genießt die Atmosphäre, freut sich, dass nach einer zwei Jahre langen Durststrecke endlich wieder Volksfeste stattfinden können. „Wenn ich auf dem Herbstfest bin, kann ich komplett abschalten und alles um mich herum vergessen“, sagt sie.

Negative Erfahrungen während der Wiesn gebe es keine. Nur lustige. Beispielsweise an ihrem ersten Arbeitstag vor 38 Jahren. „Ich hatte damals Schuhe an, die nicht wirklich griffig waren und bin mit zehn Mass in der Hand ausgerutscht.“ Kurz schmunzelt sie. „Verschüttet habe ich aber nichts“, sagt sie stolz.

Viele schöne
Erinnerungen

Man merkt an der Art wie sie redet, wie gerne sie sich an die vergangenen Jahre zurückerinnert. „Als wir jünger waren haben wir nachdem alle Festzelt-Besucher weg waren, noch in den Gängen getanzt und sind danach feiern gegangen“, sagt sie. Wieder andere Male saßen alle Bedienungen bis 1 Uhr morgens zusammen – zum Abrechnen und Sekt trinken. „Das war immer ein Highlight“, sagt sie.

Zwar hätten sich die Zeiten mittlerweile geändert, den Spaß an der Arbeit hat die 67-Jährige in all den Jahren jedoch nicht verloren. Unter anderem deshalb, weil sowohl ihr Sohn Stefan als auch ihre beiden Schwestern und ihre Schwiegertochter im Flötzinger-Festzelt arbeiten. „Wir haben alle das Gen geerbt“, sagt Gitti Flötzinger. Wie sollte es auch anders sein, bei diesem Familiennamen. Anna Heise

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