Rosenheim – Der Suizid ist eine einsame Entscheidung. Trotzdem rufen viele Menschen vor diesem letzten Schritt bei der Telefonseelsorge an. Für die Mitarbeiter ist das eine Chance, dem Anrufer Alternativen aufzuzeigen. Doch nicht immer gelingt das. Ein Gespräch mit Birgit Zimmer, Leiterin der Telefonseelsorge, darüber, wie wichtig es ist, Suizid nicht zu tabuisieren.
Sie werden fast täglich mit Themen wie Suizid, Depressionen und Kummer konfrontiert. Wie schafft man es da, den Lebensmut nicht zu verlieren?
Für mich und meine Mitarbeiter ist das eine Herzensangelegenheit. Wir vertreten das Leben und kämpfen dafür, dass die Menschen, die sich bei uns melden, ihr Leben in die Hand nehmen. Wir wollen, dass die Menschen, bevor sie sich für den Suizid entscheiden, wissen, dass es uns gibt und wir ihnen dabei helfen, nach Perspektiven zu suchen. Aber wir müssen natürlich auch akzeptieren, wenn Menschen trotz allem die Entscheidung treffen, dass ihr Leben nicht mehr lebenswert ist.
Fühlt man sich da nicht, als ob man versagt hat?
Ich glaube gerade für meine Ehrenamtlichen, die nicht aus dem sozialen Bereich kommen, ist diese Situation nicht immer einfach. Man denkt immer, dass es gelingt, alle Leute davon zu überzeugen, dass das Leben lebenswert ist. Das ist vielleicht auch ein bisschen naiv.
Gibt es einen Fall, der Sie in den vergangenen Tagen besonders mitgenommen hat?
Tatsächlich betreue ich gerade einen Jungen, der zwischen zehn und 14 Jahren alt ist und seinen ersten Suizidversuch hinter sich hat. Das berührt mich sehr. Wenn jetzt schon Kinder und Jugendliche daran denken, sich zu suizidieren, dann frage ich mich schon, was in unserer Gesellschaft los ist.
Wie sehr, glauben Sie, spielen die Pandemie, der Ukraine-Krieg und die Energiekrise in diese Entwicklung?
Natürlich hat die Pandemie ihren Beitrag dazu geleistet, dass die Zahl der Depressionen gestiegen ist. Viele Menschen waren lange Zeit auf sich alleine gestellt. Das merken wir auch während der Telefonate. Da ist Einsamkeit immer wieder ein sehr großes Thema. Vor allem in der Nacht, wenn sie sich nicht mehr ablenken können. Auch der Ukraine-Krieg hat viele Ängste ausgelöst.
Hinzu kommt, dass Therapieplätze Mangelware sind.
Das ist nach wie vor ein Thema. Hier sehen wir uns als Brücke. Wir helfen dabei, die Wartezeit zu überbrücken. Aber man darf auch nicht vergessen, dass wir Seelsorger sind und keine Therapeuten.
Wie laufen die Telefongespräche beziehungsweise die Chat-Unterhaltungen ab?
Wir geben weniger Ratschläge und versuchen gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Als Außenstehender weiß man oft nicht, wie das Leben des Betroffenen aussieht. Wenn man dann von außen versucht, Ratschläge zu geben, wirkt es oftmals herablassend. Das wollen wir vermeiden.
Wie unterscheiden sich die Telefonseelsorge und Betreuung per Mail?
Bei den Mails gelingt es uns in der Regel, einen Kontakt aufzubauen. Da kommt es auch vor, dass wir jeden Tag mit dem Betroffenen sprechen. Das kann auch über Monate gehen und die Betroffenen haben eine Bezugsperson. Am Telefon ist das anders, da entscheidet der Zufall, wer den Hörer abnimmt.
Gibt es unterschiedliche Themen?
Bei den Mails ist der Suizid tatsächlich das überwiegende Thema. Aber oft geht es auch um schwierige Familienverhältnisse oder Gewalt. Am Telefon häufen sich in letzter Zeit die Sorgen rund um das Thema Wohnen. Viele haben Angst, ihre Wohnung zu verlieren oder die Nebenkosten nicht mehr bezahlen zu können.
Wie wichtig ist das Thema Prävention?
Wahnsinnig wichtig. Wir sehen uns als Anker und Bezugsperson. Zwar ist die Prävention nicht messbar, aber wir bekommen durchaus Rückmeldungen, dass der präventive Charakter etwas genutzt hat. Zudem fragen wir auch nach, wenn sich jemand länger nicht bei uns meldet. Oft ist das ein gutes Signal, weil die Menschen wissen, dass jemand für sie da ist und sich Sorgen macht. Im Umkehrschluss müssen wir aber auch akzeptieren, wenn sich die Menschen nicht zurückmelden.
Wie oft kommt es vor, dass sich Angehörige bei Ihnen melden?
Gar nicht so selten. Oft melden sie sich, wenn sie Gefährdungen beobachten oder konkrete Ratschläge brauchen.
Was wären solche Ratschläge?
Es ist wichtig, das Thema direkt anzusprechen. Man muss klar kommunizieren, ob es Suizidgedanken gibt oder nicht. Anschließend raten wir dazu, dass sich der Betroffene selbst bei uns meldet. Ob das funktioniert, wissen wir allerdings nicht, weil wir nur selten darüber informiert werden, wie die Menschen zu uns kommen.
Gibt es Zahlen darüber, wie viele Menschen zu ihnen kommen?
Von Januar bis September haben wir fast 5000 Gespräche geführt und knapp 3000 Mails beantwortet. Normalerweise sind es im Jahr sonst immer um die 5000. Daran sieht man deutlich, dass die Zahlen nach oben gehen. Bei 58 ehrenamtlichen Mitgliedern haben wir alle Hände voll zu tun und kommen zum Teil gar nicht mehr hinterher. Der Bedarf steigt also. Das Problem dabei: Die finanzielle Unterstützung sinkt. Sollte sich diese Situation in den kommenden Jahren nicht ändern, haben wir wirklich ein Problem.
Sie haben das letzte Wort.
Prävention ist unsere Herzensangelegenheit. Und wir sind weiterhin darum bemüht, Menschen abzuholen. Vor allem Kinder und Jugendliche will ich noch einmal auffordern, sich mit ihren Sorgen an uns oder das Kinder- und Jugendtelefon zu wenden.Interview: Anna Heise