Rosenheim – Sarah kennt sich aus. Schließlich haben wir lange den Katalog studiert, immer wieder. Wir haben uns Höhlenbären angesehen, Riesenhirsche und Nilpferde. Und jetzt steht Sarah vor dem aufgerissenen Nilpferdmaul und wenn ich sie hochheben und reinsetzen würde, bliebe kein Stück von ihr draußen.
„Ich bin dreieinhalb“, sagt Sarah am Ticketschalter im Lokschuppen. Eigentlich ist sie fast vier, in drei Wochen hat sie Geburtstag, aber nichtsdestotrotz ist sie für die Ausstellung vielleicht doch etwas zu klein, denke ich. Ich habe ein wenig Angst, dass die Mammuts dann doch zu furchteinflößend sind. Trotz unseres Katalogstudiums.
Indianer in
der Eiszeit?
Aber zunächst einmal befühlen wir die Eisfläche ganz nah am Eingang. „So kalt war es früher?“, fragt sie. „Ja, zumindest häufiger als heute“, sage ich. Das versteht Sarah, mehr oder weniger. Die erste Irritation folgt dann aber gleich: „Sind das Indianer?“, fragt sie als wir vor dem Eiszeitpaar stehen. Indianer kennt sie natürlich, Eiszeitmenschen kommen aber in Kinderbüchern eher selten vor. Da hadert man gleich als Erwachsener. Die haben ähnliche Kleidung an, sage ich, aber das sind keine Indianer. So liefen alle Menschen in der Eiszeit rum. Da gab es noch keine Pullis mit Einhörnern. Das gefällt Sarah gar nicht – das es keine Pullis mit Einhörnern gab. Schnell weiter. Irgendetwas gruselt sie.
Komischerweise ist das später beim Skelett des Mannes von Neuessing nicht so. Im Gegenteil. Das findet Sarah richtig spannend. Wir besprechen die Knochen, welcher wo ist, fühlen unsere eigenen Knochen und suchen sie beim Neuessinger. Sarah fragt, warum der Mann nur vier Finger hat. Ich bin ganz stolz, dass das Kind die Beobachtungsgabe von Sherlock Holmes hat. Das der Mann dunkle Haut und dunkle Augen hatte, weiß sie schon aus dem Katalog und die Erklärungen über die Rekonstruktion des Gesichts hätten wohl auch den Nachwuchs des Londoner Detektivs überfordert. Ich finde es spannend, aber Sarah zieht mich weiter. Vorbei an Erklärtafeln zur Erdentwicklung zu dem, warum Sarah hierher wollte: Zu den Tieren.
Vorbei an Mammut und Babymammut direkt zum Nilpferd: „Guck mal, Papa, dein Lieblingstier“, ruft Sara. Mein Lieblingstier hat das Maul weit aufgerissen und sieht so gar nicht nach Pflanzenfresser aus. Der Babylöwe tut es Sarah an, der ist auch wirklich knuddelig. Im Gegensatz zum Papalöwen. Aber Sarah kennt keinerlei Beklemmungen hier. „Die sind ja nicht echt“, sagt sie und fühlt genau die nachgebildeten Pfotenabdrücke nach. Ob es die Tiere noch gibt, wie Adler, Geier, Wolf, oder ob sie längst ausgestorben sind, ist ihr komplett egal. „Aber Einhörner sind Fantasie“, sagt sie. Immer wieder diese Viecher, denke ich.
Clara folgt exakt den Pfotenspuren auf dem Boden direkt zu Kunst und Kultur. Ob ihr das gefällt? Ich habe da meine Zweifel. Zwischendurch hat sie sich über angedeutete Höhlenmalereien lustig gemacht: „Pferde haben doch gar keinen Bart“, hat sie gesagt und gelacht. Aber dann ist sie ganz begeistert – schon der Löwenmensch fasziniert sie. Aber besonders die Zeichnungen interessieren sie, vielleicht weil die Darstellungen so ähnlich sind, wie sie selbst malt. Nicht plastisch, ganz flach, vieles ist mehr angedeutet als wirklich erkennbar. Endgültige Begeisterung bricht aus, als sie dann selbst malen darf. An einem Display kann man nach verschiedenen Vorlagen etwas nachzeichnen zum Beispiel ein Pferd und die Zeichnung wird dann an die Wand projiziert. Zugegeben Sarahs Pferd hat nicht unendlich viel Ähnlichkeit mit der Vorlage, aber darum geht es ja auch nicht.
Bärtige Pferde und Herzchen malen
Wir sind fast am Ende, wir gehen hinaus, essen eine Brotzeit zwischendurch. Sie will aber noch mal rein, zu den Tieren, zum Malen. Jetzt soll ich von jedem zweiten Tier ein Foto machen, auch die, die sie vorher nicht interessiert haben. Dabei müssen wir auch unsere Einschätzung von Pferden mit Bart korrigieren. Wildpferde hatten wohl einen. Jedenfalls das ausgestellte könnte um Hals und Kinn eine Rasur vertragen. Sarah malt auch nochmal, diesmal allerdings kein Pferd, sondern ein Herz mit einem Gesicht.
Und dann will sie noch etwas sehen: Im letzten Abschnitt der Ausstellung geht es um den Klimawandel. Alles viel zu kompliziert für eine Dreijährige, denke ich. Das macht Sarah aber nichts, sie bleibt sitzen und hört nahezu andächtig dem Klavierspiel von Ludovico Einaudi zu, der vor Gletschern das Stück „Klagelied für die Arktis“ spielt.
Beim Rausgehen ist allerdings alle Andacht vergessen: Sie braucht ganz unbedingt ein Wildpferd als Kuscheltier.