Rosenheim – Hiltrud und Ludwig Senner sind noch ganz schön fit. Aber das Ehepaar ist eben näher an den 90 als an den 80 Jahren. Da geht halt nicht mehr alles so leicht von der Hand. „Hätte ich früher nicht so viel Fußball gespielt, wäre es unmöglich gewesen“, sagt Ludwig. So ging es irgendwie, die über hundert Stufen hoch und runter zu kommen. Denn der Fahrstuhl war wochenlang kaputt.
Angst vor
Repressalien
Damit sind die Senners, die eigentlich anders heißen, nicht die Einzigen. In den vergangenen Wochen und Monaten meldeten sich immer wieder Menschen bei der OVB-Redaktion, weil der Fahrstuhl nicht funktioniere. Die Betroffenen wollen nicht in die Zeitung, oft haben sie Angst, deshalb Ärger mit ihrem Vermieter zu bekommen. Das ist zwar rechtlich nicht möglich, aber wer will schon das Risiko eingehen, sich in einem überhitzten Markt eine neue Wohnung suchen zu müssen. Bei den Senners spinnt der Fahrstuhl seit Juni. Immer mal wieder zunächst: Ein paar Tage blieb er stehen, dann zuckelte er wieder nach oben bis in den achten Stock. Am 25. August blieb er dann ganz stehen.
„Wir waren direkt eingesperrt“, sagt Ludwig Senner. Auch andere Hausbewohner litten unter der Situation. Eine ältere Dame ist nur mit Rollator unterwegs, mit dem lassen sich die Stufen wirklich nur schlecht laufen. „Die war ganz eingesperrt“, erzählt Hiltrud. Sie selbst hätten immer nur das Minimum eingekauft, erzählt sie. „Ludwig hat immer nur zwei, drei Flaschen Mineralwasser hochgetragen“, der Rest hätte im Keller gewartet.
Doch nicht nur die Einkäufe waren ein Problem: Ludwig hat im laufenden Jahr zwei größere Operationen hinter sich. Eigentlich notwendige Arztbesuche fielen flach. Die Hausärztin kam mit dem schweren Arztkoffer nicht die vielen Treppen hoch. „Das war schon hart für mich“, sagt Ludwig. Über zehn Kilogramm hat der schmale Mann im vergangenen halben Jahr abgenommen. Auch die notärztliche Versorgung war teils dramatisch. Ein Nachbar hatte einen Schlaganfall – Gott sei Dank nur einen leichten. Aber für die Sanitäter sind acht Stockwerke auch ein Problem – schließlich tragen sie eventuell noch einen Menschen die Treppen hinunter.
Die Hausverwaltung haben sie selbstredend informiert – mehrfach. Aber sie wurden immer wieder vertröstet. „Die Reparatur wurde immer wieder in die Länge gezogen“, erzählt Ludwig. Laut der Hausverwaltung warteten die Handwerker auf fehlende Ersatzteile. Auch die anderen Betroffenen, die sich beim OVB gemeldet haben, bestätigten das.
Die Firma, von der der Aufzug stammt, äußerte sich auf OVB-Anfrage nicht. Dafür erklärte die Aufzugsfirma Schindler auf OVB- Anfrage, dass sie die meisten Ersatzteile auf Lager hätte. Allerdings müsse man „aber in Einzelfällen auch Ersatzteile fertigen lassen und von anderen Herstellern bestellen.“ Pauschale Lieferzeiten könne man zwar nicht angeben. „Allerdings stellen auch wir fest, dass Elektronikbauteile aufgrund des globalen Chip-Engpasses schwerer auf dem weltweiten Markt zu beschaffen sind.“ Sind diese dann da, liefere man auch über Nacht, um die Reparaturzeiten zu verkürzen.
Miete mindern wegen
kaputtem Fahrstuhl?
Dass man sich bemüht, hilft natürlich den Betroffenen wenig: „Das ist ja eine Notlage“, sagt Senner. Um den Fahrstuhl wieder in Gang zu bekommen, könne man Druck auf den Vermieter aufbauen, erklärt der Rosenheimer Rechtsanwalt Christoph Kremser von der Kanzlei Klar und Holderle. „Das geeignete Mittel wäre eine Mietminderung“, sagt Kremser. Dazu stellt man beim Vermieter eine schriftliche Mängelanzeige mit einer Frist – in der Regel zwei Wochen. Wie hoch die Mietminderung ausfällt, ist allerdings nicht so einfach. Das Gesetz spricht von „angemessener Verhältnismäßigkeit“. sagt Kremser. Er empfiehlt einen Blick ins Internet, dort finden sich als Orientierung Mietminderungstabellen. Laut diesen könne man – je nach Einzelfall – fünf bis 20 Prozent der Miete mindern.
Nach 22 Tagen Stillstand fährt der Fahrstuhl bei den Senners nun wieder. Dass die Türen so laut quietschen, dass „man aus dem Bett fällt“ – geschenkt. „Hauptsache wir können wieder raus“, sagt Hiltrud.