Rosenheim – Lange haben die Stadträte darüber diskutiert, wie an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert werden soll. Jetzt ist die Entscheidung gefallen. Einstimmig hat sich das Gremium für das Gedenkzeichen „Lebendige Erinnerung“ der Künstlerin Christiane Huber entschieden. Ein Gespräch über die Bedeutung, Erinnerung und warum Diskussionen wichtig sind.
Was bedeutet es für Sie, sich zu erinnern?
Erinnerung ist ein großer Begriff. Für mich ist wichtig, dass Erinnerung dynamisch ist, dass sie sich verändert, dass sie gepflegt werden muss. Bei diesen Gedenkzeichen wird die Erinnerung an Menschen mit Orten verknüpft. Man möchte zeigen, dass der Ort von Geschichte geprägt wurde und die Geschichte wiederum unsere Erinnerung prägt.
Passend dazu haben Sie beim Künstlerwettbewerb vorgeschlagen, mit einer Möbiusschleife an die Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken.
Die Möbiusschleife ist eine unendliche Schleife. Man weiß nicht genau, wo sie anfängt und wo sie aufhört. Genauso sollte es mit der Erinnerung sein. Sie hat weder einen Anfang noch ein Ende. Für mich war es wichtig, ein Zeichen zu finden, das für lebendige Erinnerung steht.
Die Jury hat sich einstimmig für Ihren Vorschlag ausgesprochen und auch im Stadtrat gab es kaum kritische Stimmen. Wussten Sie von Anfang an, dass Sie an dem Künstlerwettbewerb teilnehmen?
Natürlich habe ich gerade zu Beginn überlegt, ob ich die Richtige für die Aufgabe bin. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass ich mich schon seit vielen Jahren mit dem Nationalsozialismus und dem Thema Erinnerungskultur beschäftige. Die Ausschreibung hat mich von Anfang an sehr interessiert. Auch weil ich wusste, dass die Stadt kooperative, partizipative Projekte plant. Hinzu kommt, dass mir der Aufbruchsgeist, der in der Stadt Rosenheim zu dieser Thematik herrscht, gefällt.
Man darf nicht vergessen, dass es zuvor viele Jahre keine Einigkeit darüber gegeben hat, wie an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert werden soll. Warum glauben Sie, dass eine Schleife das bessere Gedenkzeichen ist – im Vergleich zu Stolpersteinen.
Ich würde gar nicht sagen, dass die Schleife das bessere Zeichen ist. Ich persönlich finde Stolpersteine ganz gut. Aber Rosenheim hat sich nun mal aus verschiedenen Gründen, die gut nachvollziehbar sind, dagegen entschieden – so wie auch andere Städte. Stattdessen hat man in Rosenheim nach einem anderen Weg gesucht.
Und gefunden.
Ja. Und auch das sollte gesagt werden: Das Thema Erinnerungskultur startet nicht mit dem Aufhängen der Schleifen, sondern mit dem Gespräch darüber, was es heißt, sich heute zu erinnern. Ich halte diese Diskussion für enorm wichtig und gut. Die Tatsache, dass man sich hier öffentlich auseinandersetzt, ist an sich ein sehr wichtiger Teil des Prozesses.
Am Mittwoch hat auch der Stadtrat Ihrem Gedenkzeichen grünes Licht gegeben. Wie geht es jetzt weiter?
Für mich ist es wichtig, in Kontakt mit den jeweiligen Akteuren zu treten – beispielsweise vom Historischen Verein oder von der Initiative „Stolpersteine“. Ich will mich da gar nicht so sehr als Künstlerin positionieren. Es geht um etwas Größeres, und das muss man gemeinsam mit den Akteuren und Akteurinnen der Stadt machen. Eine Installation der Gedenkzeichen heißt für mich übrigens nicht, dass wir mit dem Thema abschließen.
Installation ist ein gutes Stichwort. Wie stellen Sie sich diese vor?
Die Schleife soll, wenn möglich, an Bäumen installiert werden, sodass sie mitwächst. Hier soll signalisiert werden, dass Erinnerung lebt, nicht aufhört und auch gepflegt werden muss.
Läuft man damit nicht Gefahr, das Gedenkzeichen zu übersehen?
Aber das wäre mit Stolpersteinen ja ähnlich. Die Schleife ist recht groß geworden, zudem soll sie auf Augenhöhe angebracht werden. Natürlich muss geplant werden, welcher Baum für die Schleife infrage kommt, wie die Schleife in dem jeweiligen Baum zur Geltung kommt und wie der Baum wachsen wird. Wichtig ist auch, dass die Schrift gut lesbar ist und lesbar bleibt. Aus diesem Grund muss die Schrift auch vergoldet werden, damit sie nicht verfärbt. Die Schrift soll zudem auch groß genug werden, damit sie von Betrachtern, die am Boden stehen, gut erkennbar ist. Diese Faktoren müssen bedacht werden. Idealerweise könnte zudem geschaut werden, wie sich das ganze Thema digital vermitteln lässt. Aber das wäre erst der nächste Schritt.
Sowohl Sie als auch die Stadt planen partizipative Aktionen. Verraten Sie schon konkrete Pläne?
Für Rosenheim würde ich es noch nicht sagen wollen. Aber ich habe beispielsweise 2018 ein Projekt im Landkreis Altötting gemacht, wo es auch um die Vergangenheit im Nationalsozialismus ging. Damals gab es unter anderem filmische Interviews mit Zeitzeugen, Kunstaktionen und Spaziergänge. Es war ein Projekt, das mehrstufig abgelaufen ist. Am Ende gab es beispielsweise eine Filmvorführung über Zeitzeugen-Gespräche in einer Lokalität, die eine wichtige Rolle in der NS-Zeit gespielt hatte. Die Formate haben gut funktioniert. Das haben wir auch daran gesehen, dass sich die Zuschauerzahlen fast täglich verdoppelt haben.
Interview: Anna Heise