Rudl EndrißFoto Frick
Rosenheim – Ein Mann und eine Frau, skizzenhaft eingeritzt auf zwei Steinblöcke, begrüßen alle, die das Gelände der Caritas Wendelstein Werkstätten in der Hochgernstraße in Rosenheim betreten. Die Worte „Teilhaben. Und weiterkommen“ auf der Standplatte verweisen auf die Philosophie der Behinderteneinrichtung. Es ist ein Werk des Bildhauers Rudl Endriß, das dieser als Auftragsarbeit zum 40-jährigen Jubiläum der Sozialfirma im Jahre 2012 schuf.
Petra Rohierse, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, kann sich noch sehr gut erinnern. „Zum Jubiläum sollte etwas angeschafft werden, das Bestand hat. Ein Kunstwerk, das zu unserer Einrichtung und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern passt. Das den Sinn und die Aufgabe der Werkstätten für Menschen mit Behinderung widerspiegelt. Der Caritasverband der Erzdiözese München und Freising unterstützte das Vorhaben und stellte die finanziellen Mittel dafür zur Verfügung.“
Schnell fiel die Wahl auf den Bildhauer Rudl Endriß, den eine der Kolleginnen von Petra Rohierse auch persönlich kannte. „Wir wussten von seiner schweren körperlichen Beeinträchtigung durch einen Schlaganfall, der ihn seither halbseitig lähmt. Rudl Endriß war für uns alle der Künstler, der diese Aufgabe am besten meistern konnte. Wer, wenn nicht er, sollte sich in das Thema und Umfeld einfühlen.“
Jürgen Baumert leitet seit 2003 die Caritas Wendelstein Werkstätten in der Hochgernstraße, wo im Auftrag verschiedener Firmen Akten vernichtet und Teile montiert werden und in der Großküche Essen für Kantinen, Schulen und Kindergärten gekocht wird. Der Maschinenbau-Ingenieur betont die Bedeutung von Rudl Endriß für das regionale Kunstgeschehen. Doch es waren nicht nur das künstlerische Können und sein guter Ruf, die für Rudl Endriß sprachen. Es waren auch seine tiefe Menschlichkeit, seine Herzlichkeit, sein Humor und sein überaus positives Wesen, trotz aller körperlichen Einschränkungen, die ihn zum idealen Kandidaten machten. „Für uns kam kein anderer in Frage, wie gut, dass Rudl Endriß zugesagt hat.“
Rudl Endriß schlug die beiden Figuren eines Mannes und einer Frau vor, eingeritzt auf den glatt bearbeiteten Vorderseiten von zwei Granitsteinen. Die Rückseiten sind nur grob behauen und die Seiten zeigen noch die Bohrungen, die den Stein aus dem Block heraustrennten. Typisch für das Schaffen des Bildhauers ist das nur skizzenhafte Andeuten der beiden Gestalten. Mit wenigen Strichen sind die Köpfe und Körper nur grob umrissen und doch bei aller Kürze der Bildsprache klar zu lesen. Zur Verdeutlichung sind die Ritzlinien in Schwarz nachgezogen, mit roten kleinen Tupfen, die Augen mit Weiß betont.
Damit sich die Auftraggeber das Kunstwerk besser vorstellen konnten, fertigte der Bildhauer ein kleines Modell davon. „Das Modell gibt es heute noch, es steht hier im Büro der Wendelstein Werkstätten in Raubling und ich habe es gerade in der Hand“, schildert Petra Rohierse lebhaft am Telefon. Ein großer Unterschied zur ausgeführten Skulptur fällt jedoch auf. Auf der Standplatte stehen die Worte „Hand in Hand“.
Worte haben für Rudl Endriß eine sehr hohe Bedeutung, vor allem seit er selbst nur noch sehr schwer sprechen kann und oftmals um Worte ringen muss. In seinen „Wortsteinen“, die er in vielfältigster Weise schuf und die sich an diversen Stellen im öffentlichen Raum in unserer Region entdecken lassen, setzt er Worte, einzeln oder in Kombination, zum Nachdenken als künstlerischen Ausdruck ein.
„Hand in Hand“, das ist das notwendige Miteinander von Mann und Frau, Behinderten und Nichtbehinderten, Starken und Schwachen, Alten und Jungen. „Hand in Hand“ bekommt aber auch eine ganz andere Dimension für jemanden, der seine rechte Hand nicht mehr bewegen kann, wie eben Rudl Endriß.
Doch das eingängige Motto, das der Künstler vorgeschlagen hatte, musste dem damaligen Motto des Caritasverbandes München und Freising für die Arbeit mit Behinderten weichen. So lesen wir jetzt das etwas sperrige „Teilhaben. Und weiterkommen“. Mittlerweile hat sich das Motto schon wieder geändert und lautet jetzt „Teilhabe und Inklusion“, erläutert Petra Rohierse. Schade um „Hand in Hand“.