Rosenheim – Neues Jahr, gute Vorsätze – und endlich mal Ordnung schaffen. Eine Rosenheimerin hat ihre Liebe zur Ordnung zum Beruf gemacht. Ordnungs-Coach Stephanie Kippe gibt im OVB-Interview Tipps, wem Ordnung nutzt und wie sie mit einfachen Tricks hergestellt werden kann.
Mein Schreibtisch sieht aus wie Sau. Kann ich jetzt nicht richtig arbeiten?
Unterbewusst hindert Sie das wahrscheinlich. „Wie Sau“ ist natürlich total subjektiv, aber – und das unterschätzen viele – das Chaos macht unterbewusst etwas mit uns: Es blockiert – gerade am Schreibtisch. Allein die Zeit, die Sie verlieren, wenn Sie Dinge suchen. Man ist effektiver und produktiver, wenn es ordentlich ist.
Mein Vater hat immer gesagt, Ordnung auf dem Schreibtisch ist Ordnung im Kopf, meinen Sie das mit blockiert?
Ja, Ordnung in der Umgebung sorgt auch für mehr Klarheit im Kopf.
Aber wenn ich aufräume, dann verliere ich ja auch Zeit.
Wenn Sie richtig aufräumen, dann haben Sie eine Grundordnung, die sich immer wieder ganz leicht herstellen lässt. Es geht ja nicht darum, Dinge immer wieder neu aufzuräumen, sondern um eine Grundordnung. Die ist total individuell, zum Beispiel möchten manche Leute ihre Dinge gerne sehen, manche möchten sie lieber in geschlossenen Boxen haben. Aber wenn man die Grundordnung einmal hat, ist ganz schnell alles wieder aufgeräumt. Oft fehlen einfach feste Plätze und dann lässt man die Dinge liegen, weil man gerade nicht weiß, wo die hingehören. Wenn ich aber für alle Dinge auf dem Schreibtisch, jeden Stift, jedes Notizbuch einen festen Platz habe, dann ist die Ordnung auch schnell hergestellt.
Aber es ändern sich doch auch ständig Dinge. Da muss man doch dauernd wieder aufräumen. Auch im Kopf. Manche Menschen schreiben ihre To-do-Zettel fünfmal am Tag neu.
Wenn das Ordnungssystem passt, dann geht aufräumen wirklich schnell. Und wenn bei den To-dos wirklich was dazwischen kommt, dann schiebe ich es halt zum Beispiel auf den nächsten Tag. Aber deswegen schreibe ich nicht andauernd meine To-do-Zettel neu.
Ich habe zwei kleine Kinder, das ist ein Unberechenbarkeitsfaktor, bei dem ich gar nichts vernünftig planen kann.
Bei der Zeit ist es wichtig, dass man Puffer mit einplant. Aus meiner Erfahrung heraus sollte man maximal 60 Prozent der Zeit verplanen. 40 Prozent der Zeit sind eben für Unvorhergesehenes. Auch ohne Kinder. Manchmal dauert eine Aufgabe ja vielleicht auch etwas länger, als man gedacht hat.
Sind Sie denn selber ordentlich?
Ja, schon als Kind habe ich gerne mein Zimmer aufgeräumt und neu organisiert. Als ich 2019 dann Marie Kondo bei Netflix gesehen habe, war ich begeistert und habe gedacht: Da kann man einen Job draus machen, das will ich auch. Ich habe dann bei Isabella Franke eine Zertifizierung zum Ordnungscoach gemacht.
Wenn ich Sie engagiere, kommen Sie dann zu mir und räumen auf?
Wir führen erstmal ein Kennenlern-Gespräch. Ich komme ja dann eventuell in sehr private Räume, da muss es dann auch persönlich passen und das Vertrauen da sein. Dabei klären wir auch, was denn gewünscht ist, beziehungsweise wo es hapert. Die Klassiker sind Papierkram, Kleiderschrank und Küche. Dann komme ich oder ich begleite online. Da gibt es Hausaufgaben und ich helfe individuell bei den Herausforderungen.
Gibt es denn so typische Ordnungsprobleme in der Küche?
Oft gibt es in der Küche keine Zonen. Also, gleichartige Dinge sind weit verteilt. Beim Backen zum Beispiel sind Mehl und Zucker an einem Ort und das Rührgerät am anderen. Auch sind oft die Plätze der Dinge nicht optimal gewählt. Ich will den Geschirrspüler ausräumen und die Tassen sind am anderen Ende der Küche. Das heißt, ich muss jedesmal durch den ganzen Raum gehen. Oder die typischen Kruscht-Schubladen, bei denen keiner weiß, was eigentlich drin ist.
Das erleichtert natürlich den Alltag, aber entspannt das auch wirklich?
Spülmaschinen auszuräumen oder Wäsche aufzuhängen, machen nun mal den meisten Menschen keinen Spaß, aber gerade deshalb sollte man es sich nicht schwerer machen als nötig. Und außerdem schiebt man solche Dinge ja gerne vor sich her und den inneren Schweinehund überwindet man dann zumindest leichter.
Ist die Sendung von Marie Kondo eigentlich der Auslöser des großen Aufräumtrends oder liegt da mehr dahinter?
Die Komplexität der Welt und auch das Tempo, die Schnelligkeit, machen uns zu schaffen. Es prasseln so viele Informationen und Eindrücke auf uns ein, da ist das Bedürfnis nach einem Rückzugsort umso größer. Der funktioniert besser, wenn er ordentlich und klar ist. Chaos verursacht eben unterbewusst auch Stress.
Und man beschäftigt sich so ja auch mit seinem Besitz.
Das Ziel beim Aufräumen ist, ganz allgemein bewusster zu leben. Es ist so leicht geworden, einfach irgendwelches Zeug zu kaufen – alles ist immer verfügbar. Wir besitzen ja heute auch viel mehr Dinge als noch vor 50 Jahren. Wer eine Grundordnung herstellt und dann auch ausmistet, weil man sich bewusst mit seinem Besitz beschäftigt, der geht anschließend auch viel bewusster einkaufen. Dabei geht es gar nicht um Minimalismus, sondern sich auf das Wesentliche zu reduzieren, dazu gehören auch Dinge, die einem Spaß machen.
Gibt es denn Dinge, die jeder hat und die er nicht braucht?
Das kann man gar nicht verallgemeinern. Brauchen tun wir natürlich ganz viele Dinge nicht, aber an was jeder Spaß hat, ist total individuell. Was oft vorkommt, ist, dass wir von einer Sache viel zu viel haben und es ist uns gar nicht bewusst – vermutlich braucht zum Beispiel niemand sieben Sparschäler. Oder einzelne Socken zum Beispiel – wobei ich da letztens von einer Kundin gehört habe, dass sie mit den Socken bastelt. Also es ist total individuell. Was wir aber definitiv nicht brauchen, sind kaputte Sachen. Da gibt es vielleicht Dinge, die schon seit zwei, drei Jahren rumstehen, die bringt man dann auch nicht mehr zur Reparatur.
Viele Senioren wollen sich ja gerne verkleinern, aber das fällt ihnen sehr schwer.
Bei großen Verkleinerungen ist es ganz wichtig, sich auch mental vorzubereiten. Nicht einfach anfangen, sondern vorher darüber nachdenken, was schwierig ist oder werden könnte. Eine große Veränderung ist ja oft auch beängstigend. Zusätzlich sollen dann Entscheidungen über die eigenen Dinge getroffen werden. Da kann man im Vorfeld zum Beispiel schon überlegen, welche Dinge vielleicht die Familie oder Freunde bekommen sollen. Gerade bei Erinnerungsstücken sollte man das Pferd besser von hinten aufzäumen: Erst überlegen, was die schönsten Erinnerungen sind und welcher Gegenstand mich daran erinnert.
Da bleibt aber dennoch vielleicht zu viel übrig.
Oft hilft es bei Erinnerungsstücken, Fotos der Dinge zu machen. Denn wichtig sind ja fast nie die Dinge selbst, sondern eben die Erinnerung. Da kann man mit einem Fotobuch vielleicht Abhilfe schaffen. Und zur Vorbereitung gehört auch, auf die eigenen Ängste zu schauen. Meistens liegen drei Emotionen dahinter: Schuld, Traurigkeit oder Sorgen. Wenn man sich das bewusst macht, dann ist der Ausmist-Prozess sehr viel leichter.
Und die vielen Dinge, die man noch braucht?
Die Kategorie „das könnte ich noch brauchen“ sind circa 80 Prozent der Gegenstände. Da sollte man nur die Dinge behalten, die wirklich eine praktische Funktion haben, die man regelmäßig verwendet und auch weiter verwenden wird. Alles andere muss eben weg. Aber klar, das ist eine riesige Herausforderung.
Interview: Thomas Stöppler