Rosenheim – Mit einem Lächeln sitzt Said Ashour in der Redaktion der OVB-Heimatzeitungen, es hat sich trotz seiner Erfahrungen in den vergangenen neun Jahren bewahrt. „Passt schon, es geht immer weiter”, ist der Satz, der im Gespräch am häufigsten fällt. Vor wenigen Monaten hat er sein Studium an der Fachschule Rosenheim zum Holztechniker abgeschlossen und damit ein Ziel erreicht, von dem er im Jahr 2013 nicht einmal zu träumen gewagt hätte.
Von Damaskus
nach Ägypten
Damals war Ashour 15 Jahre alt und floh mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg von Damaskus nach Ägypten. „Ich sehe das Bild noch ganz genau vor mir, als der Stempel mit aadhaar, also März 2013, auf den Reisepass gedrückt wurde”, erinnert sich der Syrer. Es war der letzte Tag, den er in seiner Heimat verbrachte.
Doch der älteste Sohn der fünfköpfigen Familie merkte schnell, dass er in Nordafrika kaum eine Perspektive hatte. Für ihn stand fest: „Ich musste hier raus”. In einer Produktion für Hochzeitskleider arbeitete der Teenager im Schichtbetrieb, teilweise mehr als zwölf Stunden am Stück. Denn für sein Vorhaben brauchte er dringend Geld.
Rund 2000 Dollar habe die Familie ansparen müssen, um einen Schlepper zu beauftragen, der Ashour von Ägypten über das Meer nach Sizilien schleusen sollte. Dort wollte sich der Syrer von Rom über Österreich bis nach Berlin durchschlagen. Doch schon die Überfahrt entwickelte sich zu einer Tortur. „Die Schleuser sehen dich nicht als Mensch, sondern als einen Sack voll Geld, den sie von Punkt A nach Punkt B transportieren”, berichtet Ashour. Eingepfercht auf wenigen Quadratmetern in einem rostigen Boot dauerte es 27 Tage, bis er italienischen Boden unter den Füßen hatte. „Als meterhohe Wellen auf uns einbrachen, es völlig dunkel war und ich nur spüren konnte wie es entweder hoch oder runter ging. Da bekam ich richtig Angst“, erinnert sich der Syrer. Täglich habe er gebetet, dass er die Überfahrt heil überstehen würde. Als er seine Familie mit einem Prepaid-Handy aus Italien anrief, hätte sein Vater drei Minuten lang nur geweint vor Freude und Erleichterung.
Doch noch war der Flüchtling nicht am Ziel. Mit seinen Englischkenntnissen aus der syrischen Schule schlug er sich bis nach Österreich durch und endete schließlich an der Grenze zu Deutschland. Ob er über die A8 aus der Richtung von Salzburg kam oder an der Grenzkontrolle an der A93 in Kiefersfelden gestoppt wurde, wisse er nicht mehr. Nur daran, dass er von den Beamten aufgenommen und nach Rosenheim gebracht wurde.
Von dort ging es in eine Flüchtlingsunterkunft für Minderjährige nach Wasserburg. Seine ersten deutschen Wörter habe sich Ashour über Youtube-Videos angeeignet. „Da war die Aussprache allein vom Zuhören natürlich noch völlig falsch“, meint er. Doch mit Hilfe von Sprachkursen, die ihm das Jugendamt organisierte, erarbeitete sich der junge Syrer in wenigen Jahren nach Arabisch und Englisch seine dritte Sprache. Nach sechs Monaten in Wasserburg verbrachte er mehrere Jahre in einem Sozialheim in Mühldorf und versuchte, seinen Hauptschulabschluss zu machen, scheiterte jedoch kurz vor den letzten Prüfungen. Angst, dass er es in Deutschland nicht schaffen würde, habe er jedoch nie gehabt. „Das hat schon gepasst, ich wusste, es wird irgendwie weitergehen.“
Sein Weg führte ihn über einen Freund zu einem Praktikum bei der Schreinerei Huber in Lohkirchen. Auch ohne Abschluss habe er dort eine Lehre beginnen können, wofür er seinem Chef heute noch sehr dankbar ist. In dieser Zeit hatte der damals 22-Jährige ein weiteres prägendes Erlebnis bei einem Einsatz auf der Baustelle. „Dort war ich fasziniert von der Arbeit des Bauleiters. Egal welche Fragen man ihm stellte, er konnte alles beantworten“, beschreibt Ashour. Von da an sei ihm klar gewesen, dass er das selbst einmal erreichen wollte.
So kam es, dass der Syrer wieder dahin zurückkam, wo er vor acht Jahren unverhofft gelandet war – nach Rosenheim, wo er an der Fachschule Holztechnik studierte. Auch dort hinterließ er mit seiner Einstellung einen bleibenden Eindruck. „Ashour wird mit seinem Abschluss sicher einen anspruchsvollen Arbeitsplatz finden, wo er seine Fähigkeiten zeigen kann”, ist der IT-Dozent Franz Josef Gehr überzeugt.
Täglich im Kontakt
mit der Familie
Seit wenigen Monaten ist Ashour staatlich geprüfter Holztechniker. Von dem Geld, das er bisher in Nebenjobs oder bei seiner Ausbildung verdient hat, habe er immer die Hälfte zu seiner Familie nach Ägypten geschickt. „Damit kann ich zum Beispiel die Schule für meine Geschwister finanzieren.” Täglich habe er noch Kontakt nach Afrika und versichere sich, dass es allen gut geht. Nach Deutschland holen will Ashour seine Familie aber nicht, obwohl er bereits seit gut zwei Jahren einen deutschen Pass hat. „Meine Eltern haben sich in der Kultur dort eingelebt, meine Mutter arbeitet als Lehrerin, meine Geschwister gehen zur Schule.” Das alles müssten sie aufgeben, auch wenn es hier vielleicht manchmal leichter wäre. Das wolle aktuell weder er noch seine Familie.
Stattdessen konzentriert sich Ashour auf seinen Traum. In den vergangenen vier Monaten habe er sich bereits bei einer größeren Firma als Bauleiter einarbeiten können. Zwar kam er über die Probezeit leider nicht hinaus. Doch das halte ihn nicht auf, sich direkt nach neuen Stellen im Landkreis umzuschauen. „Das passt schon alles”, sagt Ashour abschließend. „Es geht immer irgendwie weiter.”