Von Kleve bis nach Rosenheim

von Redaktion

Der Rotary Club Rosenheim-Innstadt hat seine Spendentour erfolgreich abgeschlossen. Dabei machten Behörden und Hitze den Ruderern zu schaffen – aber am Ende bleibt ein großer Batzen Geld für geflüchtete Kinder.

Rosenheim – 30 Kilometer ging es über Land. Aber anders ging es halt nicht, erzählt Paul Geisenhofer. Aber der Wasserstand war schlicht zu niedrig für die vielen Schleusen. Bei Nancy in Frankreich war das, und es waren 37 Grad. „Eine Bullenhitze“, sagt Geisenhofer, „das geht schon an die Substanz.“ Das Sitzfleisch und vor allem die Hände, irgendwann tut es weh. „Aber irgendwann ist dann ein Zustand erreicht, an dem es nicht mehr schlechter wird“, sagt Geisenhofer lachend.

Einfache und
aufwendige Idee

Im April sind die Ruderer in Kleve gestartet, um die „Vernø“ in ihr neues Zu- hause in Rosenheim zu überführen. Die Idee war so einfach wie aufwendig. Mit der Unterstützung von Rotariern und Ruderclubs sollte das alte Holzruderboot die ganze Strecke – also fast, in Passau war Schluss – den Weg nach Rosenheim finden und dabei sollten Spenden gesammelt werden. Ursprünglich sollte es der europäischen Jugendarbeit zukommen, doch im Februar änderte sich durch den Krieg in der Ukraine das Spendenziel: Die Integrationsprojekte von Rudervereinen für geflüchtete Kinder und Jugendliche aus der Ukraine und anderen Krisengebieten. Das passende Motto: „Wir sitzen alle im gleichen Boot.“

Daran beteiligten sich nur Rotarier. Auch der Rudersport-Club Rosenheim war mit dabei. Insgesamt 21 verschiedene Menschen ruderten für den guten Zweck, denn wer hat schon so viel Zeit und Ausdauer, um die ganze Strecke zurückzulegen. Dabei war die älteste Teilnehmerin sogar bereits 78 Jahre alt. Geisenhofer selbst war 58 Tage und 1757 Kilometer mit dabei.

Die 37 Grad im Juli hatten wenigstens einen Vorteil: „Wir hatten wirklich kaum Regen“, erzählt Geisenhofer. Dadurch konnte man sich diverse Hotelkosten sparen. Denn wenn kein Rotary oder Ruderclub in der Nähe war, bei dem man übernachten konnte, dann konnte man einfach unter freiem Himmel schlafen. Nicht nur dabei entstanden auch viele schöne Begegnungen. In Frankreich lud sie ein Schrebergartenbesitzer in seinen Garten – selbstredend inklusive Abendessen mit frisch geerntetem Salat und Radieschen. „Hätten wir ein Auto dabei gehabt, dann wäre es einfacher, aber auch langweiliger“, sagt Geisenhofer.

Der schöne Nebenbeieffekt: Das für Hotels angedachte Geld floss nicht zurück in die privaten Portemonnaies, sondern in den Spendentopf.

Der wurde während der Fahrt fleißig gefüllt. In Häfen spendeten Yachtbesitzer und auf dem Weg warfen Familien im Urlaub Geld in den Klingelbeutel, wie Geisenhofer sagt. Besonders rührend war eine Familie, die Urlaub auf einem Hausboot machte, irgendwann verschwand die Mutter und kam mit einer Plastiktüte voller Zehn- und Zwanzig-Cent-Münzen zurück – insgesamt 20 Euro. „So sparte diese Frau und schenkt uns diesen Sack“, sagt Geisenhofer, „das hat mich mehr gerührt als 50 Euro von einem Yachtbesitzer.“

Zwischendurch wurde auch das Spendenziel, die geflüchteten Kinder aus der Ukraine, den Ruderern wieder präsent. In Verdun wurde ein Zwischenstopp eingelegt und der größte Soldatenfriedhof der Welt besichtigt. 13000 weiße Kreuze stehen dort auf über 144 380 Quadratmetern. Die Gebeine von über 130000 nicht identifizierten Soldaten sind im Beinhaus von Douaumont untergebracht. Insgesamt starben über 300000 Soldaten dort im Ersten Weltkrieg. „Wenn man dann daran denkt, dass in der Ukraine gerade auch ein sinnloser Krieg mit Stellungskämpfen tobt“, beschreibt Geisenhofer seine Gedanken. Er beendet den Satz nicht, fügt aber hinzu: „Hundert Jahre und nix dazu gelernt.“

Umso mehr Motivation für die Ruderer, weiter zu machen. Immer zu dritt, einer am Steuer, einer Backbord, einer Steuerbord. „Wir haben permanent gewechselt“, erzählt Geisenhofer, „damit jeder immer wieder eine Pause hat.“ Schließlich waren es über 2100 Kilometer, die zurückgelegt werden wollten und das allermeiste davon stromaufwärts. „Bei den Schleusen hat man ja auch eine kleine Pause“, sagt der Ruderer, nur um dann zu relativieren: „Wobei man ja da viel Zeit verliert, man will ja eigentlich Strecke machen.“

Schrammen
durch Schleusen

Und Schleusen gab es einige: Über 200 Stück. „Da hatten wir uns schwer verschätzt“, sagt Geisenhofer. Im Sommer ging er noch von etwa 100 aus. Darunter auch eine der größten Schleusen in Deutschland auf dem Main-Donau-Kanal zwischen Bamberg und Kehlheim: Wie in einem Dom sei es gewesen, nur schwarze Wände und oben in 25 Metern Höhe der Himmel. „Da ist man dann mit seiner kleinen Nussschale drin und dann fängt es an zu Brodeln und langsam, langsam geht es nach oben“, erzählt Geisenhofer.

Die Schleusen sind auch der Grund für eine längere Pause der „Vernø“. „200-mal in eine Schleusenkammer rein und wieder raus, da hat es doch einige Schrammen abgekriegt“, so Geisenhofer. Jetzt steht erstmal die Instandhaltung und Reparatur an. Aber 2024 wollen die Ruderer vom Rotary Club Innstadt Rosenheim wieder auf große Tour gehen: Von Passau bis zum Schwarzen Meer. Aber bis dahin müssen die Verhältnisse sich in der Ukraine grundlegend verändert haben.

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