Rosenheim – Wie ein riesiger Blumenstrauß wachsen fast 30 Straßenlaternen aus der Grünfläche des Mangfallparks Nord. Fein arrangiert und komponiert reihen sich um die höchsten Leuchten in der Mitte niedrigere Laternen, neigen wie Blüten ihre Köpfe oder streben stramm nach oben.
Initiative der
Firma Marc O‘Polo
Den bunten Reigen gestaltete die in Hamburg lebende Künstlerin Sonja Vordermaier als Teil des Skulpturenwegs „Natur und Reflektion“, eine Initiative der Firma Marc O’Polo. Werner Böck, Inhaber von Marc O’Polo, meinte damals: „Die Idee, die Landesgartenschau 2010 in Rosenheim mit einem Skulpturenweg zu ergänzen, kam spontan, als ich den Entwurf der Architekten gesehen habe.“
Zehn Künstler wurden von Kurator Stefan Wimmer eingeladen, die sich in ihren Werken mit dem Themenbereich „Natur und Zivilisation“ auseinandersetzten und die LGS bereicherten. Sonja Vordermaier war die einzige Künstlerin in der Männerriege, zu der prominente Künstler wie Toni Stegmayer, Christian Hess oder Martin Fritzsche zählen.
Wie sie auf die Idee zum „Leuchtenwald“ kam, erläutert Sonja Vordermaier: „Meine erste Idee zum „Leuchtenwald“ hatte ich als Studentin bei meinem Professor Franz Erhard Walther im Rahmen eines Übungsentwurfs für einen Kunst-am-Bau-Wettbewerb. Das florale Design von diversen Straßenlaternen in verschiedenen Ländern, und deren Verschwinden im Zuge der Umrüstung auf energiefreundlichere Beleuchtungssysteme war in meinen Augen ein schöner Aspekt und Anlass, um dieses ansonsten recht unbeachtete „Stadtmobiliar“ einmal selbst ins Zentrum des Interesses zu rücken.“
Als der Skulpturenweg auf der LGS in Rosenheim 2010 nun die Möglichkeit zur Realisierung bot, recherchierte Sonja Vordermaier europaweit, um zu erkunden, wo gerade alte Straßenlaternen abgebaut werden und deshalb zur Verfügung stehen könnten. Der dann folgende Transport wurde zur logistischen Herausforderung. Doch auch zuvor gab es Schwierigkeiten, so die gebürtige Münchnerin: „Es musste sehr lange mit der Stadtverwaltung/-Technik verhandelt werden, man hielt den Entwurf zunächst technisch für nicht umsetzbar.“
30 Laternen aus
zehn Ländern
Umso erfreulicher, dass alle Probleme gelöst werden konnten und wir uns seither an dem bunten Strauß von fast 30 Straßenlaternen aus zehn europäischen Ländern und 19 Städten erfreuen können. Gerade die Vielfalt der historischen Raritäten macht den Charme des Kunstwerks aus.
So bildet die Mitte ein fünfarmiger „Leipziger Tropfen“ vom VEB Leuchtenbau Leipzig, der jahrzehntelang das Stadtbild der DDR prägte, nun nicht mehr produziert wird, in den Straßen der Messestadt oder am Straußberger Platz in Berlin aber noch zu finden ist. Schmuckstücke wie die Amsterdamer „Kroonlantaarn“ mit ihrer kleinen Krone auf der Laterne, die „Pastorale“ von der Hafenpromenade in Triest, die zauberhaften Goldkronen aus Cagnes-sur-Mer, die historistischen Laternen aus Prag oder der grüne „Karl Johann“ aus Sarajevo, dessen Leuchten wie Glockenblumen nach unten hängen, geben in ihrer Verspieltheit reizvolle Kontraste zu schlichten Vertretern aus Hamburg, Stuttgart oder München. Überragt wird das ganze Arrangement vom Belgrader „Furyo“, dessen scharfes Halogenlicht in der Nacht die Schatten der anderen Leuchten auf den Boden zeichnet. Nicht mehr vorhanden sind zwei niedrige Pollerleuchten aus Wolfsburg und Glasgow („Focus“, designt von Norman Foster), die die feinen Höhenunterschiede nach unten ausponderierten. Ein als Reliefplatte gestalteter Kanaldeckel in der Mitte des „Leuchtenwaldes“ bietet dem Interessierten Auskunft über die Herkunft der einzelnen Leuchten.
Unerfreulich ist der Plagiatsvorwurf, der von Professor Eberhard Bosslet im Internet verbreitet wird. Sonja Vordermaier bezieht dazu klar Stellung: „Mein Entwurf an der Hochschule unter Professor Franz Erhard Walther entstand nachweisbar zeitlich vor der Wettbewerbseinreichung des Herrn Bosslet. Im Übrigen war sein Entwurf damals auch nicht im Internet veröffentlicht – selbst 2010 noch nicht. Ich war tatsächlich auch überrascht von der frappierenden Ähnlichkeit, ich erkläre es mir eher so, dass bestimmte Dinge in der Luft sind und wir beide den gestalterischen Prinzipien eines Floristen beim Blumenbinden gefolgt sind. Schade, dass Herr Bosslet trotz der klaren Beweislage immer noch behauptet, es handele sich um ein Plagiat.“
Fokus auf
Klimawandel
Doch der „Leuchtenwald“ ist nicht nur optisch anziehend. Mit grüner Energie betrieben und aus vorhandenem Material erschaffen, griff Sonja Vordermaier damals schon Themen wie Klimawandel, Ressourcen, Nachhaltigkeit, Recycling und Energie auf.
Geradezu hellsichtig liest sich der Satz des Kurators Stefan Wimmer im Begleitheft zum Skulpturenweg 2010: „Sonja Vordermaiers Leuchtenwald ist Symbol unserer Zivilisation und des neuen Bewusstseins, dass unsere Welt eng miteinander vernetzt ist. Energie ist die neue Einheit globaler wie lokaler Konflikte.“