Rosenheim – „Ein Schildbürgerstreich“, so nennt Jörg Lammers vom Fahrradladen „Cycle“ die neue Fußgängerzone in der Weinstraße. „Schauen Sie, da fährt schon wieder einer vorbei“, sagt er und zeigt aus dem Fenster. Und langsam fährt ein Auto durch die Fußgängerzone. Am Montagmittag jedenfalls herrscht zwar nicht gerade viel Verkehr, aber alle paar Minuten fährt ein Auto durch die Weinstraße. Von etwa 30 am Tag, spricht Lammers. In einer Stunde waren es bereits etwa zehn.
Das Ergebnis
langer Diskussionen
Seit nun gut einer Woche ist die Weinstraße ein kleines Stück lang eine Fußgängerzone. Die Umwandlung war von vielen Diskussionen begleitet worden. Zur Diskussion standen auch die Färberstraße und die Adlzreiterstraße. Der Stadtrat hat sich nach einer Anwohnerbefragung, die ebenfalls zu Diskussionen führte, dann für ein kleines Stück entschieden. Zwischen den Hausnummern zwei und zehn darf nur noch zu den Lieferzeiten, morgens von 6 bis 10 Uhr und abends von 18 bis 20 Uhr, befahren werden. So hatte es der Stadtrat im Oktober entschieden und die Verwaltung hat es nun umgesetzt.
„Die jetzige Lösung wird von einer breiten Mehrheit getragen und die Weinstraße erhält eine enorme Verbesserung der Aufenthaltsqualität“, erklärte Oberbürgermeister Andreas März. Alle Belange der Anwohner unter einen Hut zu bringen, sei nicht einfach gewesen, so der OB weiter.
„Wir sagen es den Leuten auch“, erzählt Lammers. Denn viele wüssten es gar nicht, dass man nicht mehr durch die Weinstraße fahren dürfte. Die Reaktionen seien sehr gemischt. Von „Danke, danke, das wusste ich gar nicht“ bis Fenster zumachen und einfach weiterfahren sei alles dabei. Für sie selbst hat die Fußgängerzone einen etwas kuriosen – wenn nicht sogar ein wenig problematischen – Nebeneffekt: Schnell das Fahrrad vor der Tür Probe fahren geht eben nicht mehr.
Fahrverbot
auch für Radler
Schließlich gilt das Fahrverbot auch für Radler. Das heißt, die Kunden – und auch Lammers selbst – müssen die Fahrräder vor bis zur Ecke Adlzreiterstraße schieben. Das macht freilich nicht jeder.
Wegen der vielen Durchfahrten hat Lammers bereits bei der Stadt angerufen, dort hieß es, es dauere ein wenig, bis alle Fahrer das auf dem Schirm hätten. Das Schild werde oft übersehen. Das bestätigte auch ein städtischer Sprecher: „Das wussten wir auch vorher, das dauert immer ein wenig.“
Kontrolliert wird freilich bereits häufig, wie Andrea Körber vom gleichnamigen Modegeschäft berichtet. Just hatte sie Handwerker da, die beim Hintereingang in der Weinstraße parkten: 55 Euro Strafzettel, am Samstag bereits das gleiche Spiel. Sie ist nicht gerade begeistert vom fehlenden Verkehr. „Die Fußgängerzone ist menschenleer, das ist doch kein Bild“, sagt sie. Die meisten Menschen würden sich schon daran halten, sagt sie – aber klar, das brauche noch etwas Zeit. Aber so oder so, viele ihrer Kunden kämen aus dem Umland und natürlich kämen die mit dem Auto: „Alle Kunden beschweren sich, dass es zu wenig Parkplätze gibt“, berichtet sie. „Wir sind hier ja nicht am Max-Josefs-Platz“, sagt sie, „so viele Passanten gibt es hier nicht“. Die Parkplätze sind für Lammers andersherum aber das eigentliche Problem: „Die Straße ist sowieso so schmal, das macht das schnell richtig ungemütlich.“
Optisch ist
das sehr gut
Gerhard Buluschek, der den Haushaltswarenladen Tavola an der Ecke zum Ludwigsplatz betrieb, ist jedenfalls sehr zufrieden. „Optisch ist das sehr gut“, erklärte er. Auch wenn er ebenfalls bemerkte „wie erstaunlich blind die Autofahrer sind“. Im Vorfeld hatte er noch Bedenken geäußert, dass die Situation für Anlieger schwierig sein könnte, nun zeigte er sich aber hochzufrieden: „Alle Garagen sind gut erreichbar.“ Einzig die etwas unübersichtliche Beschilderung sei verbesserungswürdig. Aber richtig Sinn mache das erst, sagt Buluschek, wenn die Gastronomen die Stühle rausstellen können. Dann, ist er sich sicher, werde es richtig schön. Davon gab es am Samstagnachmittag, als das Wetter mitspielte, schon etwas zu spüren, sagt Lammers: „Da hatte die Weinstraße richtig ordentlich Flair.“