Rosenheim – Auf dem Programmheft führt ein Engel mit mächtigem Flügel ein Kind an sicherer Hand.
Zugleich hält der Himmelsbote einen frühlingshaften Blumenstrauß in seiner erhobenen Rechten. Eine verheißungsvolle Botschaft: Wieder einmal „will der Lenz uns grüßen“, die Jugend wird mit sicherer Hand geführt, und das Publikum darf an zwei Abenden beflügelnde Konzerte erleben, Marke Ignaz-Günther-Gymnasium!
Die zahlreich erschienene, von OStD Dieter Friedel herzlich begrüßte Prominenz durfte staunen über das große kulturelle Potenzial, das diese Schule in petto hat. Auf dem musikalischen Sektor ist es soviel, dass wieder zwei opulente Konzerte im ausverkauften Kuko nötig wurden.
Flächendeckende
Würdigung
Ein bisschen Statistik vorneweg: In Aktion waren drei Chöre (Stefan Unterhuber und Wolfgang Gahabka), zwei gewaltige Symphonie- plus Kammerorchester (Susanna Mette und Stefan Robens), die Big Band (Wolfgang Gahabka), der „Rosenheimer Mettronom“, eine zünftige bayerische Blasmusik-Formation (in Lederhosn und Dirndl) unter der Leitung von Susanne Mette und schließlich das „Celloensemble“ und die „Rosenheimer Zauberflöten“ (Daniel Kneer und Christiane Kneer). Für dieses quantitative Aufgebot war die große Stadthalle grade ausreichend, aber auch qualitativ brauchten sich die „Ignazler“ keineswegs zu verstecken.
Kein Schüler-Bonus war nötig, kein Auge musste nachsichtig zugedrückt werden. Mit weit geöffneten Ohren konnte das beifallsfreudige Publikum ganz entspannt zuhören!
Eine flächendeckende Würdigung ist angesichts der Überfülle des Gebotenen kaum zu schaffen; also richten wir einen subjektiven Blick auf einzelne Details. Und wir werfen beide Abende quasi in einen Topf. Schön, dass bei allem Trend zu peppigem Amusement auch das gute, alte Volkslied noch etwas zu sagen hat: Das Publikum durfte, am Flügel begleitet von Stefan Unterhuber, „Nun will der Lenz uns grüßen“ singen. Danach erst waren die Schüler gefordert…
Doch beginnen wir erst mit der zwar „unmusikalischen“, aber dennoch sehr unterhaltsamen Verleihung des Sozialpreises durch den Vorsitzenden des Elternbeirates, Herrn Anton Maier.
Humorvoll interviewte er die Preisträger, das Team der „Biblio-Bienen“, die als Helfer der lernmittelfreien Bücherei im Laufe der Jahre tonnenweise Bücher zu schleppen hatten. Und auf die sich ihr Mentor, Studiendirektor Rüdiger Motzer, bislang hundertprozentig verlassen konnte. Gratulation!
Zwölf Cellisten boten anspruchsvolle Kost, denn der Brasilianer Villa-Lobos pflegt keine reißerische Folklore, sondern bei aller lateinamerikanischen Bodenständigkeit eine klassisch-moderne Tonsprache. Celli können nicht nur in der Tiefe gründeln, sondern auch in der Höhe herrlich schmelzende Kantilenen leuchten lassen. Ein Ohrenschmaus! Die taffen Mädchen der „Rosenheimer Zauberflöten“ meisterten mit ihren silbernen Instrumenten „La Gatino“ mit Anmut, Charme und Bravour! Drei große Chöre waren aufgeboten (wer gerne singt, kann kein schlechter Mensch sein, heißt es doch!): „Isn’t she lovely“ meinten die Unterstufler. Und rasant und pfiffig ging ihnen ein neuseeländisches Traditional über die Lippen: „The Wellerman“. Der Mittelstufenchor war „Happy“ und erheiterte die Zuhörer mit einem geradezu selbstironischen „Nur noch kurz die Welt retten“. Die Großen beklagten in einem raffinierten Kanon mit Heinrich Heine ihr „Herzeleid“ und versicherten „Friday I’m in love“. Der emotionale Höhepunkt aber war das Segenslied „The Lord bless you and keep you“ von John Rutter. Ausdrücklich sangen die Schüler dieses Lied zu Ehren ihres Direktors. Man sieht, Chefs können große Sympathieträger sein! Übrigens offenbar auch Musiklehrer: Unvermutet strömten vor der letzten Programmnummer die diesjährigen Abiturienten auf die Bühne und sangen ein Danklied an ihre musikalischen Förderer, in dem sie liebevoll und witzig deren kleine Marotten gereimt Revue passieren ließen. Amüsiertes Gelächter und viel Beifall!
Susanne Mette als Chefdirigentin zweier Symphonieorchester gibt Rätsel auf: Woher nimmt diese Vollblutmusikerin die Energie und Kraft, um die riesigen Klangkörper in Schach zu halten? Schon das „Junge Sinfonische Orchester“ beeindruckte durch angstfrei zupackende Akkuratesse in „This is Berk – Coming back around“ von J. Powell.
Und dann das „Symphonieorchester“: Die Streicher (von der Konzertmeisterin bis zu den Kontrabässen famos besetzt) ließen sich von Pauken und Trompeten (und Trommeln) nicht einschüchtern, strichen und zupften ohne Fehl und Tadel, die Blechbläser markierten mit schneidenden Dissonanzen in Prokofjews „Romeo und Julia“-Suite bedrohlichen „Befehl des Herzogs“, und die Flöten führten uns den leichtfüßigen, höfisch eleganten Tanz Julias vor Augen.
Die phänomenale Geigerin Magdalena Schmidmayer wagte sich gar an den 1. Satz des 5. Violinkonzerts des Belgiers Henri Vieuxtemps. Auch das Orchester stürzte sich mit Feuereifer in die spätromantischen Tonfluten mit ihren vielen farbigen Nuancen. Die Virtuosität der Solistin brachte das Publikum schier außer Rand und Band. Mit edlem Oboenton, großem Atem und Gefühl für Spannungsbögen gelang Natascha von den Knesebeck eine reife Leistung mit „Gabriels Oboe“ aus dem Film „Mission“ von Ennio Morricone.
Als dritte Solistin brachte die Sängerin Fiona Kent mit „Blue Skies“ von Irving Berlin den Saal zum Toben. Mit geradezu professioneller Gestik und Mimik und kräftiger Stimme blieb sie Herr (oder Frau) über die schmissigen Attacken der begleitenden Big Band.
Wolfgang Gahabka führte seine hoch motivierte Schar temperamentvoll durch dick und dünn. Die Soli von Klavier, Sax oder Trompete und Posaune wurden heftig beklatscht. Ein mitreißender, auch phonstarker Schluss des Frühjahrskonzerts des Ignaz-Günther Gymnasiums!
Jede Note auf
der Goldwaage
Nein, wir sind noch nicht ganz am Ende: Unter dem Motto „Last but not least“ ist das Kammerorchester unter der Leitung von Stephan Robens hervorzuheben. Ein relativ kleines Ensemble, bestehend nur aus Streichern (dem traditionell schwächsten Glied in Schulorchestern): kein Schlagwerk lenkt von Fehlern ab, keine Bläser übertönen Unsauberkeiten. Streicher, das bedeutet „Bio-Kost“ ohne Geschmacksverstärker. Bewundernswert wie der Dirigent beim ersten Satz der Symphonie Nr.88 von Joseph Haydn jede Note auf die Goldwaage legt und doch den Schwung dieser feingliedrigen Musik bewahrt, wie er zugleich die vielen winzigen Pointen herausarbeitet. Und die tollen Geiger? Natürlich „All Stars“!
Zwar verkündet ein weiser Spruch „Nobody’s perfect“. Aber viele Schüler scheinen diesem Ideal schon verteufelt nahe gekommen zu sein…