Rosenheim – Die 80 Mitglieder des Vereins „Gesicht zeigen – Rosenheimer „Bündnis gegen Rechts“ wollen Rechten die Rote Karte zeigen. Wie sie das schaffen wollen, verraten sie im OVB-Gespräch.
Was war der Auslöser für die Gründung des Rosenheimer Bündnisses gegen Rechts?
Angelika Graf: Ende des letzten Jahrtausends, im Jahr 1999, kam es zum rassistischen Mord an Carlos Fernando aus Mosambik in Kolbermoor. Der Aufmarsch und die Präsenz der rechten Parteien, wie der NPD, mehrten sich in Rosenheim und Umgebung. Für uns ein klares Signal – so darf es nicht weitergehen, wir zeigen den Rechten die Rote Karte und gemäß unserem Verein: Wir zeigen Gesicht!
Wie hat sich die Situation in Rosenheim mit Blick auf Rechtsextremismus, Linksextremismus, Antisemitismus und Rassismus über die Jahre verändert?
Judith Schäfer: Das Erscheinungsbild des Rechtsextremismus hat sich geändert, ist vielschichtiger geworden – nicht nur in Rosenheim, sondern bundesweit. Mit der AfD steht wieder eine rechtspopulistische Partei auf der politischen Bühne – vom Bundestag, über viele Landtagsparlamente bis hier im Rosenheimer Stadtrat. Die sprachliche Hemmschwelle zum Rassismus und Antisemitismus hat sich verringert. „Das wird man wohl noch sagen dürfen!“ – Phrasen, die man immer wieder hört. Durch die sozialen Medien haben sich Fake News, Hass im Netz und rechte Meinungsmache verstärkt.
Angelika Graf: Neue – politische – Herausforderungen, sei es die Corona-Pandemie oder auch der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, bringen neue und alte Verhaltensmuster in Teilen der Gesellschaft zum Tragen. Auf Querdenker-Demos wurde die Erinnerungskultur an den Holocaust bewusst missbraucht, indem Demonstrantinnen und Demonstranten den gelben Stern mitgeführt haben. Verschwörungsideologien, wie die Soros-Legende, die auch vom Rosenheimer AfD-Landtagsabgeordneten Andreas Winhart bewusst benutzt wird, sind Bestandteile dieses neuen und doch immer wiederkehrenden Erscheinungsbildes von Rassismus und Antisemitismus.
Warum nennen Sie sich „Bündnis gegen Rechts“ und nicht „Bündnis gegen Extremismus“?
Judith Schäfer: Seit 1990 werden die Todesopfer rechtsextremer Gewalt staatlich erfasst, bis zum 30. September 2020 zählte man 109 Opfer, die Dunkelziffer liegt weit höher. Rechtsextreme zielen auf das Vernichten von Menschenleben, die nicht in ihre gesellschaftliche Vorstellung passen und versuchen zudem, die demokratische Grundordnung zu untergraben und zu zerstören.
Angelika Graf: Denken wir an den Mord an Walter Lübcke, die Verbrechen der NSU – die Ermordung der Polizistin Michéle Kiesewetter jährte sich am 25. April zum 16. Mal –, oder Halle und Hanau. Die Liste von Gewaltverbrechen rechten Terrors ist erschreckend lang. Der Verein hatte sich vor mehr als 20 Jahren auch gegründet, um die Erinnerungskultur an die Schrecken der Nationalsozialisten zu wahren. Das Leid und die Opfer dieses deutschen rechten Terrors dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Der Kampf gegen das Vergessen und gegen das rechte Gedankengut von heute macht uns zum Bündnis gegen Rechts.
Haben Links- und Rechtsextreme Ihrer Meinung nach Berührungspunkte?
Judith Schäfer: Jede Form von Extremismus und Gewalt ist abzulehnen. Rechtsextremismus zielt auf die Vernichtung von Menschenleben und Demokratie. Das größere Gefährdungspotenzial geht vom Rechtsextremismus aus.
Welche Ziele hat das Rosenheimer „Bündnis gegen Rechts“?
Angelika Graf: Aufklärung und Bildung sind Schlüsselwörter gegen das Vergessen und zugleich Mahnung der deutschen Geschichte. Mit unserem Verein wollen wir unseren Beitrag für die Gesellschaft leisten, dass die Aussage „Nie wieder!“ nicht nur eine Phrase ist. Das tun wir einerseits, indem wir kompetente Referenten und Referentinnen nach Rosenheim holen. Aber auch mit Kunstaktionen und öffentlichen Auftritten – auch bei Demonstrationen gegen rechte Gewalt, Rassismus und Antisemitismus – zeigen wir Gesicht. Aufklärungsarbeit zum Beispiel durch Fortbildungen für Multiplikatoren und vor allem Lehrkräfte, steht ganz vorne auf unserer Agenda.
Interview: Anna Heise