Leben zwischen Ratten und Kakerlaken

von Redaktion

Bettwanzen, Kakerlaken und Ratten: Seit 2020 wohnt Familie Afridi in einer Wohnung in Rosenheim – und hat mit Schädlingen zu kämpfen. Neben dem Gesundheitsamt hat sich jetzt eine Psychiaterin eingeschaltet. Denn die sechsjährige Tochter musste aufgrund der Situation sogar ins Krankenhaus.

Rosenheim – Asif Afridi (Anm.: Die Namen der Familienmitglieder wurden von der Redaktion geändert) weiß nicht, wann er zum letzten Mal durchgeschlafen hat. „Die Situation ist schlimm“, sagt der Familienvater. Seit 2020 wohnt er mit seiner Frau und seinen drei Kindern in einer Drei-Zimmer-Wohnung in einem Haus in der Rosenheimer Innenstadt. Im September 2015 flüchtete er mit seiner Familie aus Afghanistan nach Rosenheim. Fünf Jahre lebten sie in einer Asylunterkunft. Vor drei Jahren haben sie den Vertrag für die Wohnung unterschrieben – für 1300 Euro Warmmiete.

Sechsjährige traut
sich nicht auf Toilette

Groß war die Freude der Familie über die erste eigene Wohnung mitten in der Stadt – und noch größer der Schock, als sie eine Woche nach dem Einzug die erste Ratte im Badezimmer sahen. Asis Afridi führt ins Badezimmer, zeigt auf das kleine Rohr. Durch dieses, vermutet er, gelangen die Nagetiere in die Wohnung. Die Ratten rennen durchs Wohnzimmer, belagern die Küche und sorgen dafür, dass sich die sechsjährige Mia seit Monaten nicht mehr ins Badezimmer traut. „Sie will weder duschen noch auf die Toilette gehen“, sagt Asis Afridi.

Doch es sind nicht nur die Ratten, die ihm und seiner Familie das Leben schwer machen. Denn die Wohnung ist auch von Schimmel, Bettwanzen und Kakerlaken befallen. „Die Kakerlaken huschen nachts teilweise über unsere Gesichter“, sagt der Vater. Von den Bissen der Bettwanzen hat die Familie zudem rote Flecken, die am ganzen Körper jucken. „Die Stiche haben bei Mia bereits zu einer Hautreaktion geführt, die ärztlich behandelt werden musste. Sie war zwei Tage lang im Krankenhaus“, sagt ihre ältere Schwester.

Die 22-Jährige arbeitet als Zahnarzthelferin und ist vor einigen Monaten in ihre eigene Wohnung gezogen. Sie war es auch, die ihre Schwester Mia zu einem Termin bei der Kinder- und Jugendpsychiaterin Dr. Eva Maria Paas begleitet hat – auf Anraten eines Kinderarztes. Paas untersuchte die Sechsjährige, diagnostizierte eine Anpassungsstörung mit emotionaler Belastung und Ängsten. „Sie wacht nachts manchmal auf und schreit. Außerdem kommt es seit dem Rattenbefall nun immer wieder zu einem nächtlichen Einnässen“, heißt es in dem Gutachten, das der Redaktion vorliegt. In diesem steht auch, dass sich Mias psychischer Zustand nur dann verbessern könne, wenn sie in einer Wohnung lebt, in der es weder Ungeziefer noch Ratten gibt.

Bereits im Oktober 2020 hatte das Gesundheitsamt Vor-Ort-Begehungen in dem Haus im Beisein von Ordnungsamt, Bauamt sowie dem Jugendamt der Stadt Rosenheim durchgeführt. „Dabei wurden Gesundheitsschädlinge wie Kakerlaken, Rattenkot und sonstiges Ungeziefer festgestellt“, bestätigt Michael Fischer, Pressesprecher des Landratsamtes Rosenheim.

Gegenüber der Stadt sei vom Gesundheitsamt sowohl in mündlichen als auch schriftlichen Stellungnahmen die „dringende Notwendigkeit von Schädlingsbekämpfungsmaßnahmen“ festgestellt worden. Denn Ungeziefer wie Ratten und Kakerlaken stellen eine Gefahr für den Menschen dar. So können Ratten beispielsweise Krankheiten wie das Hantavirus, Salmonellen oder die Hasenpest übertragen, Kakerlaken unter anderem Hepatitis A. Doch passiert ist seitdem wenig.

„Grundsätzlich können Mieter etwaige Ansprüche gegen ihre Vermieter nicht über die Stadt Rosenheim als Untere Bauaufsichtsbehörde geltend machen“, erklärt Christian Schwalm, Pressesprecher der Stadt Rosenheim. Die Bauaufsichtsbehörde greife nur ein, wenn es zur „Abwehr von erheblichen Gefahren für Leben und Gesundheit notwendig ist.“ Also beispielsweise dann, wenn das Gebäude einsturzgefährdet ist. Dennoch ist man im Rathaus nicht vollkommen hilflos. So hat die Stadt Rosenheim den Eigentümer des Anwesens mittels Auflagenbescheid aufgefordert, Maßnahmen zur Schädlingsbekämpfung durchführen zu lassen.

Die Maßnahmen sollen am 31. Mai stattfinden. Das bestätigte der Eigentümer, der anonym bleiben will, auf OVB-Anfrage. Er habe die Firma „Allround Schädlingsbekämpfungen & Service“ beauftragt, die sich Ende des Monats einen Überblick von der Situation verschaffen will. „Die Situation ist von den Mietern zum Großteil selbst verschuldet“, sagt er. So würden die Mieter ihm zufolge die Haustür offen lassen und Müllsäcke im Treppenhaus stehen lassen. Ihm gehöre das Haus seit mehr als 15 Jahren, er habe es immer wieder verpachtet. Aufgrund eines Rechtsstreits mit dem aktuellen Pächter seien ihm die Hände gebunden. „Ich kann für die Situation nichts“, sagt er.

Keine alternative
Unterbringung

Aus einem Schreiben an die Familie – das unserer Redaktion vorliegt – geht hervor, dass der Eigentümer seit Februar über die Zustände in der Wohnung Bescheid weiß. In dem Brief informierte er die Familie darüber, dass er ihnen eine „fristlose außerordentliche Kündigung“ aussprechen müsse und forderte sie auf, die Wohnung bis zum 16. Februar zu räumen. Nur so sei eine „sinnvolle und durchgreifende Bekämpfung des Ungeziefers machbar“. Das Problem: Eine Alternative, wo Asis Afridi und seine Familie stattdessen unterkommen könnten, gibt es nicht. „Wir haben nach Wohnungen geschaut. Ohne Erfolg“, sagt der Vater. Und auch der Eigentümer habe sich der Familie zufolge seit dem Schreiben nie wieder gemeldet.

„Wir wollen einfach zur Ruhe kommen“, sagt Afridi. Er will eine Nacht durchschlafen, Freunde in sein Zuhause einladen und dafür sorgen, dass es seiner Tochter besser geht. Sei es in einer neuen Wohnung oder in der jetzigen – dann aber ohne Schimmel, Kakerlaken, Ratten und Bettwanzen.

Weitere Informationen

Artikel 6 von 11