Rosenheim – Wie integriert man Kinder mit Migrationshintergrund, die kaum ein Wort Deutsch können, in den Schulunterricht? Und das in Zeiten vom anhaltendem Lehrermangel? Die Grundschule Erlenau und das AWO Mehrgenerationshaus Rosenheim haben dafür eine Lösung gefunden.
Amar Alic beugt sich über das Buch „Räuber Hotzenplotz“ und liest Satz für Satz selbstsicher vor. Für seine Klassenlehrerin Antje Eierle ein besonderer Moment. Denn als Alic vor zwei Jahren zu ihr in die Klasse kam, konnte er kein Wort Deutsch. Jetzt besucht er die zweite Klasse, schreibt gute Noten und ist vollständig integriert. Ohne die Unterstützung der Seniorin Ingrid Stolz-Klein wäre dies nicht möglich gewesen. „Zusammen sind wir schon ein ganz starkes Team, oder?“, fragt Stolz-Klein und stupst Alic an.
„Sie ist meine
Helferin“
Einmal in der Woche treffen sich die beiden – immer für anderthalb Stunden. Sie lesen gemeinsam, bearbeiten Rätsel und machen zusammen Hausaufgaben. Wenn noch Zeit ist, spielen sie ein Spiel. „Lernen ist sinnvoll, aber die Kinder brauchen auch Spaß dabei“, sagt Stolz-Klein. Mit Memory oder der Computer-App „Antolin“ fördert die Seniorin das Denken des Jungen spielerisch. Für den achtjährigen Alic das Schönste am Lernen: „Ich mag das Spiel Fliegen Fangen sehr gerne.“ Vor zwei Jahren hat sich das Dream-Team gefunden. Über das Projekt „Schülerpaten“ wurden sie zusammengeführt. Organisiert wird dies vom AWO Mehrgenerationenhaus Rosenheim. Seit 2007 arbeiten sie eng mit der Grundschule Erlenau zusammen. „Um Kinder mit Nachteilen zu unterstützen, kam damals die Idee, dass Senioren als Betreuer uns unter die Arme greifen können“, sagt Eierle. Ausgangslage ist die Verhinderung der zunehmenden Bildungsungleichheiten, die insbesondere Kinder mit Migrationshintergrund zu spüren bekommen. Diese Kinder hätten kaum eine Chance, von der Grundschule auf das Gymnasium zu wechseln. Laut dem Datenreport des Statistischen Bundesamts haben deutsche Jugendliche dreimal höhere Chancen, auf ein Gymnasium zu kommen, als Kinder aus Migrationsfamilien. Eine Ursache für diese Ungleichheit sei mangelnde Sprachkenntnisse der Eltern. Diese führte dazu, dass sie nur bedingt ihre Kindern bei Schularbeiten unterstützen können. „Die Kinder haben Deutsch als Zweitsprache und tragen damit ein Handicap“, sagt Eierle. Ohne zusätzliche Förderung hätten viele Kinder mit Migrationshintergrund daher schon in der Grundschule Probleme, die nötigen Leistungen zu erbringen.
So auch bei dem achtjährigen Amar Alic. Mit seinen Eltern kam er vor zwei Jahren aus Bosnien nach Rosenheim. Die Familie sprach kaum Deutsch. Zwei Tage nach ihrer Ankunft musste Alic schon die erste Klasse der Grundschule besuchen. Der Anfang war schwer für den Schüler. Doch mit der Unterstützung seiner Patin Stolz-Klein änderte sich alles. „Sie ist meine Helferin“, sagt Alic und lacht.
Zurzeit gibt es fünf Senioren, die sich um sechs Kinder kümmern. Eine dieser Senioren ist Ingrid Stolz-Klein. Früher wollte sie immer etwas mit Kindern machen. „Mein Traumberuf wäre eigentlich Erzieherin gewesen, aber das war nie möglich“, sagt die 76-Jährige. Daraufhin ist sie Arzthelferin geworden. Vor zwei Jahren las sie einen Artikel über das Projekt der Schülerpaten und sei sofort begeistert gewesen. Ihre Bewerbung schickte sie an Tina Matousek, die Leiterin dieses Projektes vom Mehrgenerationenhaus. Nach der Bewerbung findet das erste Kennenlernen statt. Die Projektleiterin überprüft dabei, ob der Ehrenamtliche für diese Aufgabe passt. Wenn alle Daten beisammen sind, setzt sich die Projektleiterin mit der Grundschule Erlenau in Verbindung. Zur selben Zeit notieren sich die Klassenlehrer, bei welchen Kindern Bedarf an einer Patenschaft besteht.
Beeindruckende
Entwicklung
Dann lernen sich die Paten und die Schüler kennen. „Die Voraussetzung dafür ist aber die Zustimmung der Eltern“, erklärt Eierle. In Folge kommt es zum finalen Treffen zwischen den Eltern, dem Paten, dem Schüler und dem Klassenlehrer. Zum Schluss unterzeichnen alle Beteiligten eine Vereinbarung mit den Rahmenbedingungen. In den vergangenen zwei Jahren machte der Schüler eine beeindruckende Entwicklung durch. „Jetzt spricht er komplett deutsch, kann alles ausdrücken und schreibt in Tests nur noch gute Noten.“ Auch seine Patin Stolz-Klein ist begeistert von ihrem Schützling. Dass er so wenig konnte, wusste sie am Anfang nicht. „Wenn ich Amar verbessere, dann spricht er mir sofort nach und das sitzt dann auch.“ Er selbst teilt die Begeisterung seiner Helferin: „Mir gefällt es sehr gut, denn wir lesen viele schöne Bücher.“