Rosenheim – Es begann mit einer Fernsehdokumentation, die Anamaria Bozga nicht mehr losließ: „Nepal im Schock: Die Folgen des Bebens am Mount Everest“. Trotz viel Emotionen und Trauer, die die Doku zeigt, fasste die Rosenheimerin einen Entschluss: Sie möchte den Gipfel des höchsten Bergs der Welt erklimmen – und das gänzlich ohne Bergerfahrung.
„Mir ging das nicht mehr aus dem Kopf“, sagt sie. „Meine Familie und Bekannten haben mich für verrückt erklärt. Bisher war ich nur auf der Tregler Alm. Dass mir das niemand zutraute, hat mich noch mehr motiviert. Ich entwickelte den Ehrgeiz, mein Abenteuer durchzuziehen und den Aufstieg zu wagen.“
Zwischen Traum
und Realität
Sieben Monate später stand fest: Bozga wird aufbrechen ins Himalaya-Gebirge. Am 10. April startete ihr sechswöchiges Abenteuer in Nepal. Sie nahm Kontakt auf mit der Organisation „Elite Exped“, die ihr einen Sherpa zur Seite stellte, ein Training ermöglichte, sie schulte und für den Berg ausrüstete.
„Eigentlich stand zunächst der Sechstausender Lobuche auf dem Plan – meine allererste Bergerfahrung“, erinnert sich Bozga. Durch einen Krankheitsfall bei einer der Anmeldungen wurde ihr dann der Platz im Team auf den Mount Everest angeboten. So kam sie wie die Jungfrau zum Kind dem Gipfel des höchsten Berges der Welt von einem Moment auf den anderen näher.
Innerhalb kürzester Zeit bestieg sie zwei Gipfel – komplett unerfahren. Diese Erkenntnis ist selbst für die 33-Jährige noch nicht ganz greifbar, Realität und Traum teilweise verschwommen. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, es bis zum Gipfel des Mount Everest zu schaffen – und wollte es durchziehen.
Ein Grund waren sicherlich auch die Kosten im mittleren fünfstelligen Bereich, die ein Aufstieg samt Sherpa mit sich bringen. Um die 70000 Euro sollte man insgesamt rechnen, unterstreicht Bozga. Der „Summit-Bonus“ für alle, die den Gipfel erreichen, schlägt allein mit 1500 Euro an den Sherpa zu Buche.
Bozga hat jedoch auch viele gesehen, die sich kurz vor dem Ziel gegen einen weiteren Aufstieg bis ganz nach oben entschieden haben – weil es ihnen zu riskant war. Und auch ihr Weg war stets von Ängsten begleitet, vor allem wegen ihrer fehlenden Bergerfahrung.
„In den Basislagern lernte ich erfahrene Bergsteiger aus aller Welt kennen – ich bekam sehr oft ungläubige Blicke. Die Leute haben mich angesehen und gefragt, was ich hier tue und dass hier nicht mein Platz sei. Natürlich hatte ich Respekt und auch Angst. Aber ich wollte meinen Traum verwirklichen. Für mich gab es keinen Weg zurück. Nicht, bevor ich nicht den Gipfel gesehen habe.“
Der Weg zum Gipfel des Mount Everests führt über tote Menschen. Diese Tatsache kann Anamaria bestätigen. Insgesamt vier Leichen hat sie gesehen. Eine wurde vermutlich von einer Lawine überrascht, reckte die Hände noch Hilfe suchend in die Höhe, ehe sie ihr eiskaltes Grab fand.
Einen toten Mann an Camp vier wird die Rosenheimerin so schnell nicht vergessen: „Wir machten uns bereit für die letzte Etappe und der Mann lag direkt auf unserem Weg hinauf. Er war erst zwei Tage lang tot. Beim Abstieg vom Gipfel hundert Meter vor dem Erreichen des Lagers hat er den Tod gefunden.“
Bozga überkommt noch jetzt beim Erzählen ein Schauer: „Er war auf dem Gipfel und hat es so kurz vor dem rettenden Lager nicht geschafft. Das war gruselig und traurig zugleich, wir mussten in unmittelbarer Nähe an ihm vorbei, konnten ihm nicht mehr helfen. Er hatte noch seine komplette Ausrüstung an, Mütze, Sauerstoffmaske, alles.“
Für die junge Frau dennoch kein Grund aufzugeben. Durch die Todeszone kämpfte sie sich mit ihrem Sherpa, der mit seinen 19 Jahren selbst erst zum zweiten Mal auf dem Gipfel war, auf 8848 Meter. Am helllichten Tag und in der tiefdunklen Nacht, die Sicht eingeschränkt durch die Sauerstoffmaske, um sie herum bittere Eiseskälte. Die Höhe machte ihr trotz fehlender Erfahrung erstaunlich wenig aus, der berüchtigte Höhenkoller blieb aus.
Am 21. Mai war es so weit: Angekommen am höchsten Punkt der Erde verließen Anamaria schlagartig die Kräfte. Ähnlich wie es der berühmte Bergsteiger Reinhold Messner beschrieb, überkam auch sie eine Art Leere.
„Es war auch nicht der Glücksmoment, den ich erhofft hatte, dort oben zu erleben. Ich habe den Gipfel gesehen und wollte sofort wieder runter.“ Ihre Ansicht vom fehlenden Hochgefühl teilten viele Gipfelstürmer, wie sie später im Basislager nach ihrer Rückkehr erfuhr.
„Ich hatte wochenlang ein Bild vom Gipfel vor Augen, auf meinen Hintergrundbildschirm, ich träumte davon. Doch als es so weit war, war der Anblick in Richtung Gipfel emotionaler als der Gipfel selbst“, räumte sie ein. Es hatte 50 Grad unter null, sie habe ihre Hände und Füße nicht mehr gespürt, alles war gefroren. „Ich wollte nur noch weg – lebend.“
Doch mit dem Abstieg begann ihre Pechsträhne. Mit ihrem Handy hatte sie unter anderem einen Spagat fotografisch festgehalten – ein Rekord in dieser Höhe. Doch als ihr Sherpa beim Abstieg das Handy in seinen Overall steckte, war der Reißverschluss gefroren. Beim Abseilen glitt es aus der offenen Tasche und landete in einer Schlucht abseits des Weges – direkt neben einer Leiche.
„Ich blickte hinab und in dem Moment wurde mir schlagartig klar, dass ich anstelle meines Handys dort liegen könnte. Ich hätte am Mount Everest sterben können“, sagt Bozga.
Sie verstand in dem Moment, weshalb gerade beim Abstieg so viele Menschen ihr Leben lassen: „Du hast schlicht und ergreifend keine Power mehr, zitterst am ganzen Körper, es ist heiß und kalt zugleich. Ich fiel völlig fertig und erschöpft ins Basislager, hatte keine Kraft mehr.“
Der Aufstieg von Camp vier über den Gipfel und zurück ins Camp zwei dauerte insgesamt 23 Stunden. Pausen konnten sie sich nicht leisten. Zudem wurden sie von einem Schneesturm begleitet.
Extreme Kälte und
Astronautenkost
„Egal wie trainiert du bist und welchen Sport du ausübst, das hier ist eine ganz andere Liga. Das Expeditionsessen, ähnlich der Astronautenkost, geschmolzener Schnee als Trinkwasser, provisorische sanitäre Anlagen im Schnee hinter den Zelten, die Pipi-Box im Gepäck, die extreme Kälte und der viele Schnee – das alles zehrt an den Nerven.“
In Rosenheim betreibt Anamaria Bozga ein Pole Dance Studio, hat für den Aufstieg wochenlang trainiert und Kilometer gesammelt. Dennoch würde sie anderen Unerfahrenen nicht empfehlen, den selben Weg zu wählen, den sie gegangen ist: „Es ist ein Risiko und ich habe mich in Gefahr gebracht. Ich hätte sterben können. Ich habe viel geweint, hatte sehr viel Angst und immer noch einen riesigen Respekt vor dem Berg.“
Ihre Botschaft: „Es muss nicht der Mount Everest sein. Der Berg war mein Traum und ich wollte unbedingt auf den Gipfel. Das habe ich geschafft und darauf bin ich stolz.“