Rosenheim – Soldaten- und Veteranen-Vereine haben es zurzeit nicht leicht. Weil viele ehemalige Kriegsteilnehmer langsam aussterben und kaum Nachwuchs nachkommt, kämpfen die Vereine ums Überleben. Die Veteranen- und Reservisten-Kameradschaft Fürstätt feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen.
Im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen erzählt Max Rein, Vorsitzender der Kameradschaft, warum er in einem Veteranenverein ist, ohne je im Krieg gewesen zu sein, wieso es in Rosenheim besser läuft als anderswo und warum die Kameradschaft oft in einem falschen Licht dargestellt wird.
Herr Rein, Sie sind 33 Jahre jung. Warum sind Sie Vorsitzender einer Veteranen- und Reservisten-Kameradschaft?
Ich wollte mich in der Dorfgemeinschaft engagieren und einem Verein beitreten. Und in Fürstätt gibt es da nicht so viel Auswahl. Meine Motivation ist es, die Menschen zusammenzubringen. Egal, ob es um das Ausrichten von Veranstaltungen oder die Brauchtumspflege geht. Das schweißt zu einer Gemeinschaft zusammen, die es wert ist zu pflegen. Die Begeisterung zum Verein kommt vom Zusammenhalt in unserem Dorf.
Im Krieg waren Sie
selbst wahrscheinlich aber nicht?
Nein, das nicht.
Und Soldat sind
Sie auch nicht.
Nein, ich bin vom Beruf Ingenieur und war nicht bei der Bundeswehr, nicht mal beim Wehrdienst. Gemustert wurde ich noch, sie haben mich aber nicht gebraucht (lacht). Das war allerdings bei meinem Vorgänger auch schon so.
Muss man aber
als Mitglied nicht
gedient haben?
Ursprünglich war das mal so. Vor etlichen Jahren ist der Veteranenverein in eine Kameradschaft umgewandelt worden. Dadurch kann jeder beitreten. Es gab auch nie Diskussionen bei uns, dass ich keinen militärischen Hintergrund habe.
Ist Ihr junges Alter nicht trotzdem eher
ungewöhnlich für
die Position?
Mit 33 Jahren Erster Vorstand in einem Veteranenverein zu sein, ist ungewöhnlich. Der Wunsch unseres Ausschusses war es aber, den Verein über die Jahre zu erhalten. Das ist nur möglich, wenn man ihn an die nächsten Generationen weitergibt. Ich hatte schon länger Aufgaben im Verein und war seit 2014 für die Organisation unseres Bierfestes mitverantwortlich.
Kennen Sie einen Vorsitzenden einer
anderen Kameradschaft,
der ähnlich jung ist?
Ja, zum Beispiel den Vorstand von den Veteranen Pfraundorf. Die Vereine schauen schon, dass sie jünger werden.
Knapp 80 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg werden viele Mitglieder aber nicht mehr die Jüngsten sein. Sterben Krieger- und Soldatenvereine aus?
Leider ja. Viele Vereine haben das übersehen und müssen mehr Mitglieder eingraben, als dass junge nachkommen. Das merkt man an den sinkenden Mitgliederzahlen. So möchten wir nicht enden. Wir haben das Glück, dass es in Fürstätt sonst wenig Vereine gibt und die Veteranen und Reservisten-Kameradschaft sich auch der Brauchtumspflege verschrieben hat. Durch Aktionen, wie das Maibaumaufstellen, hilft von jung bis alt jeder mit und kommt früher oder später zum Verein. Bei uns kommen genügend junge Leute nach.
Wie viele Mitglieder
haben Sie?
250.
Und wie ist die
Altersstruktur?
Das Durchschnittsalter ist 54 Jahre. Der Jüngste ist 20 Jahre und der Älteste 96 Jahre.
Soldatenvereine waren oftmals eine reine Männersache. Wie sieht es bei Ihnen aus?
Bis jetzt haben wir noch keine Frauen im Verein. Liegt aber daran, dass sich noch keine Frau mit ernsthaftem Interesse bei uns gemeldet hat. Möglich ist es aber, da bei uns jeder ab 18 Jahren beitreten kann. Und auch als Nicht-Mitglied kann man an allen Veranstaltungen teilnehmen.
Was ist eigentlich dieHauptaufgabe einer Kameradschaft und hat sich diese in 100 Jahren verändert?
Der Gründungsgedanke war, an die Schrecken des Krieges zu erinnern. Nach dem Ersten Weltkrieg diente der Verein den Kriegsheimkehrern als eine Art Selbsthilfegruppe, um das Geschehene aufzuarbeiten und die Mittellosen zu unterstützen. Jetzt, da die Zeitzeugen immer weniger werden, ist es umso wichtiger, den Leuten in Erinnerung zu rufen, dass die Kriege unermessliches Leid angerichtet haben. Es muss erinnert werden, um Lehren aus dem Geschehenen zu ziehen, dass so etwas nie wieder passieren darf. Ein Stärken verhängnisvoller Ideologien, welche im 20. Jahrhundert Weltkriege ausgelöst haben, darf nicht zugelassen werden. Trotz unserer Veranstaltungen im Dorf wird dies weiterhin die Kernaufgabe unseres Vereins bleiben.
Manchmal werden Veteranenvereine als „kriegsverherrlichend“ oder als rechte Gruppen beschimpft. Wie gehen Sie mit solchen Aussagen um?
Möglicherweise ist der Öffentlichkeit nicht ganz bewusst, welchen Zweck ein solcher Verein verfolgt. Das kann ich teilweise nachvollziehen, wenn man sieht, wie vor Gedenktafeln derer gedacht wird, die in den Kriegen umgekommen sind. Ich werde öfters gefragt, warum wir denn heute noch einen Veteranenverein brauchen. Wir gedenken den Einzelschicksalen im Kampf um Staatsinteressen, in Glaubenskriegen, in Diktaturen und Schlachten politischer oder territorialer Interessen. Jedes Opfer eines Krieges hatte Wünsche, Träume und Ziele. Es war ein vermeidbarer Tod. Einfach zum Alltag überzugehen und zu tun als, ob nichts gewesen wäre und mit dem Finger auf wen zu zeigen, geht nicht. Krieg braucht kein Mensch, nie wieder!